Kaum ist das Winterfell richtig gewachsen, werden in vielen Ställen die Schermaschinen ausgepackt. Die einen scheren ihr Pferd jedes Jahr vollständig, die anderen entfernen nur ein bisschen Fell am Hals und an der Brust. Und wieder andere würden am liebsten schon beim Gedanken an eine Schermaschine die Stalltür abschließen.
Dabei ist das Scheren eines Pferdes weder grundsätzlich gut noch grundsätzlich schlecht. Es kommt darauf an, warum wir es tun, wie das Pferd gehalten und gearbeitet wird und welche Folgen die Schur für seinen Wärmehaushalt hat.
Bei meinen eigenen Pferden spielt das Scheren im Winter kaum eine Rolle. Wir sind bei der Bewegung stark von den Bodenverhältnissen abhängig. Sind die Plätze gefroren, aufgeweicht oder schlicht nicht vernünftig nutzbar, fällt intensives Training ohnehin aus. Unsere Pferde werden deshalb im Winter eher ruhig bewegt, und für diese Belastung brauchen sie normalerweise keine Schur. Ich sehe also keinen Grund, ihnen einen Teil ihres natürlichen Kälteschutzes zu nehmen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass ich ein Pferd Scheren grundsätzlich ablehne. Wer sein Pferd auch im Winter regelmäßig intensiv trainiert, steht vor anderen Herausforderungen. Und dann gibt es noch Pferde, bei denen nicht die Arbeit, sondern eine Erkrankung dafür sorgt, dass das Fell zum Problem wird.
Willkommen, Manuela Weichselbaumer
Ich finde deshalb, wir sollten uns vor dem Griff zur Schermaschine eine einfache Frage stellen: Welches Problem möchten wir mit der Schur eigentlich lösen?
Denn Fell abschneiden ist schnell gemacht. Es wieder wachsen zu lassen, dauert deutlich länger.
Das Wichtigste in Kürze
Scheren kann sinnvoll sein. Besonders Pferde, die im Winter intensiv gearbeitet werden und stark schwitzen, können davon profitieren, wenn überschüssige Wärme leichter abgegeben wird.
Nicht jedes Pferd braucht eine Komplettschur. Verschiedene Schurmuster ermöglichen es, nur die besonders stark schwitzenden Bereiche zu scheren und möglichst viel natürlichen Kälteschutz zu erhalten.
Auch Offenstallpferde können geschoren werden. Hier würde ich allerdings eine passende Teilschur bevorzugen und auf eine vollständige Schur möglichst verzichten.
Bei PPID kann Scheren aus gesundheitlichen Gründen notwendig sein. Pferde mit gestörtem Fellwechsel verlieren ihr langes Winterfell teilweise nicht ausreichend. Gerade im Frühjahr und Sommer kann eine Schur dann helfen, Überhitzung zu vermeiden.
Eine Schur verändert die Thermoregulation. Was während der Arbeit die Wärmeabgabe erleichtert, kann in Ruhe zu erhöhtem Wärmeverlust führen. Decken und Haltungsbedingungen müssen entsprechend angepasst werden.
Das Wohlbefinden des Pferdes geht vor. Die Schur sollte ruhig, sicher und möglichst stressarm ablaufen. Tasthaare und die schützenden Haare im Inneren der Ohren bleiben erhalten.
Warum wir Pferde überhaupt scheren
Pferde entwickeln ihr Winterfell nicht, um uns beim Putzen zu ärgern. Es hat eine wichtige Aufgabe: Es hilft ihnen, auch bei niedrigen Temperaturen ihre Körperwärme zu halten.
Wie wir bereits im vorherigen Blogartikel über das Eindecken besprochen haben, wird der jahreszeitliche Fellwechsel hauptsächlich durch die Veränderung der Tageslänge gesteuert. Die Temperatur und die Haltungsbedingungen beeinflussen zusätzlich, wie sich das Fell entwickelt.
Ein dichtes Winterfell ist für ein Pferd, das viel Zeit draußen verbringt, eine ausgesprochen praktische Sache. Es schützt vor Wärmeverlust und ermöglicht dem Körper, sich an kühlere Bedingungen anzupassen.
Allerdings hat diese gute Isolation auch eine Kehrseite.
Wenn wir ein Pferd im Winter intensiv arbeiten, entsteht in seiner Muskulatur sehr viel Wärme. Diese Wärme muss der Körper wieder abgeben können. Dafür wird unter anderem die Durchblutung der Haut erhöht, und wenn das nicht ausreicht, beginnt das Pferd zu schwitzen.
Bei einem Pferd mit dichtem Winterfell kann die Wärmeabgabe erschwert sein. Das Fell wird feucht, teilweise sogar richtig nass, und nach der Arbeit dauert es entsprechend lange, bis das Pferd wieder trocken ist.
Wer schon einmal ein Pferd mit dichtem Winterfell nach einer anstrengenden Trainingseinheit versorgt hat, kennt das Problem. Man steht daneben, hat längst wieder eine Jacke an und fragt sich, ob das Pferd heute überhaupt noch trocken wird.
Hier kann eine Schur tatsächlich helfen. Werden die Bereiche geschoren, in denen das Pferd besonders stark schwitzt, kann die Wärme leichter abgegeben werden und das Fell trocknet nach der Arbeit schneller.
Das bedeutet allerdings nicht, dass jedes Pferd, das beim Reiten schwitzt, sofort geschoren werden muss. Schwitzen ist zunächst eine normale Reaktion auf körperliche Anstrengung. Entscheidend ist, wie stark das Pferd schwitzt, wie lange es zum Abkühlen und Trocknen benötigt und ob das im Alltag regelmäßig zu Problemen führt.
Auch die Trainingsintensität spielt eine Rolle. Ein Pferd, das überwiegend im Schritt ins Gelände geht, braucht möglicherweise gar keine Schur. Ein Pferd, das mehrmals wöchentlich intensiv gearbeitet wird, kann dagegen von einer gezielten Teilschur profitieren.
Und manchmal lohnt es sich, nicht nur über das Fell nachzudenken, sondern auch darüber, ob die Arbeit dem aktuellen Trainingszustand des Pferdes entspricht.
Wann ist der richtige Zeitpunkt, um ein Pferd zu scheren?
Viele Pferde werden im Oktober oder November zum ersten Mal geschoren. Das Winterfell ist dann meist bereits deutlich entwickelt und je nach Arbeit kann das Schwitzen zunehmend zum Thema werden.
Trotzdem halte ich wenig davon, grundsätzlich an einem bestimmten Datum die Schermaschine auszupacken.
Für mich ist der richtige Zeitpunkt dann gekommen, wenn das Pferd durch sein Winterfell bei der tatsächlichen Arbeit regelmäßig so stark schwitzt, dass die Wärmeabgabe oder das anschließende Trocknen zum Problem wird.
Das kann bei einem Pferd bereits im Oktober der Fall sein, während ein anderes den ganzen Winter ohne Schur auskommt.
Wichtig ist außerdem, dass wir vor dem Scheren überlegen, wie die nächsten Wochen aussehen. Wird das Pferd weiterhin regelmäßig gearbeitet oder steht vielleicht eine längere Trainingspause an? Ist die passende Decke bereits vorhanden? Können wir bei plötzlichen Wetterumschwüngen reagieren?
Auch der Zeitpunkt einer möglichen Nachschur sollte bedacht werden. Bei manchen Pferden wächst das Fell so schnell nach, dass eine einmalige Schur für die gesamte Wintersaison nicht ausreicht. Andere kommen mit einer Schur problemlos durch den Winter.
Traditionell wird häufig empfohlen, spätestens im Januar oder Anfang Februar mit dem Scheren aufzuhören, weil sich der Fellwechsel Richtung Frühjahr vorbereitet. Eine starre biologische Grenze ist das allerdings nicht. Bei gesunden Sportpferden können spätere Schuren je nach Bedarf vorkommen. Wer im Spätwinter noch scheren möchte, sollte besonders darauf achten, ob der Eingriff wirklich notwendig ist und wie das Pferd anschließend geschützt wird.
Ganz anders kann die Situation bei Pferden mit PPID aussehen. Hier wird eine Schur unter Umständen erst dann besonders wichtig, wenn die Temperaturen im Frühjahr wieder steigen. Darauf gehe ich später noch ausführlicher ein.
Pferd scheren: Welche Schurmuster gibt es und wofür sind sie sinnvoll?
Es gibt inzwischen zahlreiche Schurmuster, und nicht immer werden die Bezeichnungen einheitlich verwendet. Die Übergänge sind teilweise fließend, und manche Muster werden je nach Pferd etwas abgewandelt.

Das finde ich grundsätzlich auch sinnvoll. Schließlich sollte das Schurmuster zum Pferd passen und nicht das Pferd zum Schurmuster.
Entscheidend ist, wie viel Winterfell wir entfernen, an welchen Stellen es stehen bleibt und welchen Einfluss das auf die Wärmeabgabe während der Arbeit und den Kälteschutz in Ruhe hat.
Die Latzschur oder Bib-Schur – wenig Fell entfernen, viel Schutz behalten
Bei der Latzschur wird nur ein kleiner Bereich an der Unterseite des Halses und an der Brust geschoren. Je nach Variante reicht die Schur etwas weiter nach unten, der größte Teil des Winterfells bleibt jedoch vollständig erhalten.
Diese Schur eignet sich besonders für Pferde, die nur leicht gearbeitet werden und vor allem am unteren Hals oder an der Brust schwitzen. Das können beispielsweise Freizeitpferde sein, die im Winter regelmäßig, aber nicht besonders intensiv bewegt werden.
Der Vorteil liegt darin, dass der natürliche Kälteschutz weitgehend bestehen bleibt. Rücken, Flanken, Kruppe und ein großer Teil des Halses behalten ihr Winterfell. Gleichzeitig kann an den freigelegten Stellen Wärme leichter abgegeben werden.
Für ein Pferd, das nur gelegentlich etwas stärker schwitzt, kann das bereits ausreichen. Wer allerdings nach jeder Trainingseinheit ein Pferd hat, das vom Hals bis zur Flanke völlig nass ist, wird mit dieser kleinen Schur vermutlich nicht viel erreichen.
Gerade für Pferde in der Offenstallhaltung kann sie eine gute Möglichkeit sein, das Schwitzen etwas zu reduzieren, ohne zu stark in die natürliche Isolation einzugreifen.
Die Irish-Schur – mehr Entlastung an Hals, Brust und Bauch
Die Irish-Schur geht einen Schritt weiter. Hier wird meist ein größerer Bereich an der Unterseite des Halses, an der Brust und am Bauch geschoren. Die Schurlinie verläuft häufig schräg vom Hals in Richtung Bauch, während Rücken, Kruppe und große Teile der Flanken ihr Winterfell behalten.
Diese Variante eignet sich für Pferde, die regelmäßig leicht bis mäßig gearbeitet werden und besonders an Hals, Brust und Bauch stark schwitzen.
Der Vorteil gegenüber der Latzschur ist, dass eine größere Fläche für die Wärmeabgabe zur Verfügung steht. Gleichzeitig bleibt an den oberen Körperpartien, die besonders der Witterung ausgesetzt sind, viel Fell erhalten.
Ich finde diese Schur gerade für Freizeitpferde interessant, die auch im Winter regelmäßig geritten werden, aber nicht täglich im intensiven Training stehen.
Allerdings sollten wir auch hier bedenken, dass die freigelegten Bereiche bei Wind und Kälte schneller Wärme verlieren können. Ob eine zusätzliche Decke notwendig ist, hängt vom Pferd und seinen Haltungsbedingungen ab.
Die Streifenschur oder Trace-Schur – gezielt dort scheren, wo das Pferd schwitzt
Bei der Streifenschur werden längere Bereiche entlang der unteren Halsseite, der Brust, des Bauches und teilweise der Flanken geschoren. Je nach Variante kann der geschorene Streifen schmal oder breiter ausfallen.
Das Schöne an dieser Schur ist, dass sie sich relativ gut an die tatsächlichen Bedürfnisse des Pferdes anpassen lässt.
Schwitzt ein Pferd hauptsächlich am Hals und hinter den Ellenbogen, muss nicht zwangsläufig die gesamte Flanke geschoren werden. Wird es bei regelmäßiger Arbeit auch am unteren Rumpf sehr nass, kann die Schur entsprechend erweitert werden.
Sie eignet sich besonders für Pferde mit mäßiger Arbeitsbelastung, bei denen eine kleine Latzschur nicht mehr ausreicht, aber möglichst viel Winterfell erhalten bleiben soll.
Die Wärme kann an den geschorenen Bereichen leichter abgegeben werden, während Rücken und obere Körperpartien weiterhin durch das Winterfell geschützt sind.
Gerade bei Offenstallpferden würde ich eine solche Lösung häufig einer großflächigen Schur vorziehen, sofern sie ausreicht, um das eigentliche Problem zu lösen.
Die Chaser-Schur – für Pferde mit regelmäßiger, etwas intensiverer Arbeit
Bei der Chaser-Schur wird mehr Fell entfernt als bei einer schmalen Streifenschur. Meist werden größere Teile des Halses, der Brust, des Bauches und der unteren Körperseiten geschoren. Rücken und Kruppe bleiben dagegen überwiegend bedeckt.
Sie kann für Pferde sinnvoll sein, die mehrmals wöchentlich gearbeitet werden und dabei deutlich schwitzen, aber trotzdem einen Teil ihres natürlichen Kälteschutzes behalten sollen.
Durch die größere geschorene Fläche kann mehr Wärme abgegeben werden. Gleichzeitig bleibt auf dem Rücken und über der Kruppe weiterhin Winterfell stehen.
Allerdings steigt mit der geschorenen Fläche auch der Wärmeverlust bei Ruhe. Deshalb müssen wir bei dieser Schur bereits genauer überlegen, ob das Pferd zusätzlich eingedeckt werden muss.
Die Deckenschur oder Blanket-Schur – wenn das Pferd regelmäßig stärker arbeitet
Bei der Deckenschur wird ein großer Teil des Halses, der Brust, des Bauches und der Flanken geschoren. Auf dem Rücken und über der Kruppe bleibt dagegen ein zusammenhängender Bereich Winterfell stehen, der optisch an eine aufgelegte Decke erinnert.
Diese Schur eignet sich für Pferde, die regelmäßig intensiver gearbeitet werden und mit einer kleineren Teilschur noch immer stark schwitzen.
Durch die große geschorene Fläche kann das Pferd während der Arbeit überschüssige Wärme leichter abgeben. Gleichzeitig bleiben Rücken und Kruppe teilweise geschützt.
Allerdings sollten wir uns nichts vormachen: Auch wenn auf dem Rücken noch Winterfell steht, ist bereits ein erheblicher Teil der natürlichen Isolation entfernt worden.
Ein Pferd mit Deckenschur benötigt deshalb bei kühleren Temperaturen häufig zusätzlichen Schutz. Gerade bei längeren Ruhephasen, Wind oder Nässe muss die Deckenwahl entsprechend angepasst werden.
Für Pferde in der Offenstallhaltung ist diese Schur nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Sie verlangt aber ein gutes Deckenmanagement und regelmäßige Kontrollen.
Die Hunter-Schur – für Pferde mit hoher Arbeitsbelastung
Die Hunter-Schur stammt ursprünglich aus dem Jagdreitsport. Dabei wird fast der gesamte Körper geschoren. Häufig bleiben die Beine ungeschoren und ein Bereich in Sattelform auf dem Rücken stehen.
Diese Schur eignet sich vor allem für Pferde, die auch im Winter intensiv trainiert werden und entsprechend viel Wärme produzieren.
Der Vorteil ist die deutlich erleichterte Wärmeabgabe während der Arbeit. Gleichzeitig bleibt an den Beinen und im Sattelbereich ein Teil des Fells erhalten.
Der Nachteil liegt auf der Hand: Ein großer Teil des natürlichen Kälteschutzes fehlt.
Solche Pferde brauchen bei niedrigen Temperaturen in Ruhe in der Regel eine passende Decke. Auch beim Warmreiten und nach der Arbeit muss besonders darauf geachtet werden, dass sie nicht unnötig auskühlen.
Für ein Pferd, das dauerhaft im Offenstall lebt, wäre das für mich bereits eine sehr weitgehende Schur. Sie kann unter geeigneten Bedingungen funktionieren, verlangt aber ein entsprechend zuverlässiges Management.
Die Komplettschur – wenn fast kein Winterfell mehr übrig bleibt
Bei einer vollständigen Schur wird das Winterfell nahezu am gesamten Körper entfernt. Je nach Ausführung werden auch Kopf und Beine geschoren, wobei Tasthaare und schützende Ohrhaare selbstverständlich erhalten bleiben müssen.
Damit wird die natürliche Isolation besonders stark reduziert. Während der Arbeit kann das Pferd Wärme leichter abgeben, in Ruhe verliert es bei niedrigen Temperaturen aber auch deutlich schneller Wärme.
Eine Komplettschur kommt vor allem bei Pferden infrage, die im Winter sehr intensiv trainiert werden und deren Haltung und Deckenmanagement darauf abgestimmt sind.
Für ein Pferd, das den größten Teil des Tages draußen verbringt, würde ich persönlich keine Komplettschur wählen. Nicht, weil Offenstallpferde grundsätzlich nicht geschoren werden dürfen, sondern weil wir ihnen damit einen großen Teil ihres natürlichen Kälteschutzes nehmen.
Wenn ein Pferd so intensiv gearbeitet wird, dass eine vollständige Schur notwendig erscheint, würde ich zunächst überlegen, ob nicht eine weitgehende Teilschur ausreicht.
Denn wir müssen nicht mehr Fell entfernen, als tatsächlich notwendig ist.
Und dann gibt es noch Herzen, Sterne und andere Muster auf der Kruppe
Mittlerweile sieht man immer häufiger Pferde mit kleinen Herzen, Sternen, Initialen oder anderen Mustern auf der Kruppe beziehungsweise am Oberschenkel.
Manche davon sind wirklich hübsch gemacht, und über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Ein kleines Herz macht aus einem Pferd allerdings noch kein besseres Sportpferd.
Solche Muster dienen in erster Linie der Optik. Einen nennenswerten Nutzen für die Thermoregulation haben sie normalerweise nicht.
Solange sie fachgerecht geschoren werden und das Pferd dabei nicht unnötig belastet wird, muss man daraus kein Drama machen. Nur sollten wir einen hübschen Stern nicht mit einer notwendigen Schur verwechseln.
Pferd scheren im Offenstall – geht das überhaupt?
Natürlich kann man auch ein Pferd scheren, das im Offenstall lebt.
Ich halte nichts davon, Offenstallhaltung und Scheren grundsätzlich als unvereinbar darzustellen. Entscheidend ist vielmehr, wie viel Fell entfernt wird, wie das Pferd gearbeitet wird und welche Möglichkeiten es anschließend hat, sich vor Wind, Regen und Kälte zu schützen.
Ein Pferd, das im Offenstall lebt und regelmäßig intensiv gearbeitet wird, kann von einer gezielten Teilschur durchaus profitieren. Wenn es nach jeder Arbeit stark schwitzt und lange zum Trocknen braucht, kann es sinnvoll sein, die besonders betroffenen Bereiche zu scheren.
Allerdings würde ich bei einem Offenstallpferd möglichst viel Winterfell erhalten. Gerade Rücken, Kruppe und obere Körperpartien profitieren von der natürlichen Isolation. Eine Latz-, Irish- oder passende Streifenschur kann deshalb eine gute Lösung sein, wenn sie für die Arbeitsbelastung ausreicht.
Eine Komplettschur würde ich bei einem Offenstallpferd dagegen vermeiden.
Denn auch mit einer guten Decke ersetzen wir das natürliche Winterfell nicht vollständig. Das Pferd bewegt sich, legt sich hin, steht im Wind und ist wechselnden Wetterbedingungen ausgesetzt. Hinzu kommt, dass eine Decke verrutschen, beschädigt werden oder scheuern kann.
Und natürlich müssen wir auch an die Herde denken. Pferde spielen, kraulen sich gegenseitig und bewegen sich gemeinsam. Eine Decke muss deshalb nicht nur wärmen, sondern auch sicher sitzen und ausreichend Bewegungsfreiheit lassen.
Wer sein Offenstallpferd schert, sollte also nicht nur die Schur planen, sondern auch die Zeit danach.
Wie verändert eine Schur die Thermoregulation des Pferdes?
Das Winterfell ist ein wichtiger Bestandteil der natürlichen Wärmeregulation. Zwischen den Haaren wird Luft eingeschlossen, die isolierend wirkt. Durch das Aufstellen der Haare kann das Pferd diese isolierende Luftschicht beeinflussen.
Wenn wir das Fell scheren, entfernen wir einen Teil dieser Isolation.
Während der Arbeit kann das von Vorteil sein. Die Wärme, die durch die Muskelarbeit entsteht, kann leichter an die Umgebung abgegeben werden. Das Pferd muss unter Umständen weniger stark schwitzen, um überschüssige Wärme loszuwerden.
Aber was während der Bewegung hilfreich ist, kann in Ruhe zum Nachteil werden.
Ein geschorenes Pferd verliert bei kühlen Temperaturen leichter Wärme. Besonders bei Wind und Nässe kann das relevant werden, weil der natürliche Schutz des Winterfells fehlt oder deutlich reduziert ist.
Wie stark sich das auswirkt, hängt natürlich davon ab, wie viel Fell entfernt wurde. Eine kleine Latzschur verändert die Isolation wesentlich weniger als eine Hunter- oder Komplettschur.
Deshalb sollten wir bei der Auswahl des Schurmusters immer beide Situationen betrachten: die Zeit während der Arbeit und die vielen Stunden, in denen das Pferd nicht gearbeitet wird.
Denn selbst ein Pferd, das täglich eine Stunde intensiv trainiert, verbringt die übrigen 23 Stunden mit anderen Dingen.
Und für diese Zeit muss die Schur ebenfalls passen.
Welche Decke braucht ein geschorenes Pferd?
Mit dem Scheren übernehmen wir zusätzliche Verantwortung für den Wärmehaushalt unseres Pferdes.
Ein Pferd, das einen großen Teil seines Winterfells verloren hat, benötigt bei niedrigen Temperaturen häufig eine wärmere Decke als zuvor. Wie stark diese gefüttert sein muss, lässt sich allerdings nicht pauschal festlegen.
Eine kleine Latzschur erfordert nicht automatisch eine dicke Winterdecke. Bei einer großflächigen Schur kann dagegen bereits bei vergleichsweise milden Temperaturen zusätzlicher Schutz notwendig sein.
Wichtig sind neben der Schur auch der Gesundheitszustand, die Haltung, die Gewöhnung an Kälte und die tatsächlichen Wetterbedingungen.
Eine 200-Gramm-Decke ist deshalb nicht automatisch die richtige Wahl, nur weil das Pferd geschoren wurde. Genauso wenig reicht bei jedem Pferd eine ungefütterte Regendecke aus.
Besonders wichtig finde ich, dass wir uns bereits vor der Schur darüber Gedanken machen. Ein Pferd, das gestern noch ein dichtes Winterfell hatte und heute großflächig geschoren wurde, hat von einem Moment auf den anderen einen erheblichen Teil seines natürlichen Schutzes verloren.
Es kann nicht erst in Ruhe abwarten, bis wir die passende Decke bestellt haben.
Deshalb sollten die benötigten Decken bereits vorhanden sein, bevor die Schermaschine zum Einsatz kommt. Auch die Passform muss stimmen, und gerade bei Pferden im Offenstall sollte geklärt sein, wer bei einem deutlichen Wetterumschwung kontrolliert, ob das Pferd ausreichend geschützt ist.
Im vorherigen Blogartikel „Pferde eindecken – ja oder nein? Was dein Pferd dazu sagt und was die Wissenschaft weiß“ habe ich bereits ausführlich beschrieben, warum es keine allgemeingültige Temperaturtabelle für Pferdedecken gibt und weshalb wir die Reaktionen unserer Pferde regelmäßig beobachten sollten.
Gerade bei geschorenen Pferden gilt das umso mehr.
Denn wer seinem Pferd einen Teil der natürlichen Isolation nimmt, muss anschließend dafür sorgen, dass es bei Bedarf einen geeigneten Ersatz bekommt.
Abschwitzdecken beim Warmreiten und Trockenreiten – warum sie sinnvoll sein können
Eine Decke ist nicht nur während der Ruhephasen ein Thema. Auch vor und nach der Arbeit müssen wir bei geschorenen Pferden genauer hinschauen.
Wenn ein Pferd mit großflächiger Schur aus dem Stall oder Offenstall kommt, kann es bei niedrigen Temperaturen sinnvoll sein, die empfindlicher gewordenen Bereiche während der Aufwärmphase zusätzlich zu schützen.
Dafür eignen sich je nach Wetter und Schur beispielsweise Nieren- oder Ausreitdecken, die über die Kruppe gelegt werden. Sie können helfen, die geschorenen Bereiche vor kaltem Wind und unnötigem Wärmeverlust zu schützen, während das Pferd zunächst noch wenig eigene Bewegungswärme produziert.
Das bedeutet allerdings nicht, dass jedes geschorene Pferd grundsätzlich mit Decke warmgeritten werden muss.
Sobald die Arbeitsintensität steigt, produziert die Muskulatur zunehmend Wärme. Eine Decke kann dann die gewünschte Wärmeabgabe behindern. Deshalb sollte sie rechtzeitig abgenommen werden, wenn das Pferd ausreichend warm ist oder die Belastung zunimmt.
Auch beim Trockenreiten müssen wir die Situation beurteilen. Nach intensiver Arbeit sinkt die Wärmeproduktion wieder, während das Pferd möglicherweise noch feucht ist. Bei niedrigen Außentemperaturen kann es dann sinnvoll sein, die geschorenen Bereiche vor zu schnellem Auskühlen zu schützen.
Und dann gibt es natürlich noch die Abschwitzdecke.
Sie soll dabei helfen, Feuchtigkeit vom Pferd wegzutransportieren und das Trocknen zu unterstützen. Das funktioniert allerdings nur, wenn das Material dafür geeignet ist und die Decke richtig verwendet wird.
Eine durchnässte Abschwitzdecke sollte nicht einfach stundenlang auf dem Pferd liegen bleiben. Je nach Material und Feuchtigkeitsmenge kann sie ihre Funktion verlieren und das Pferd zusätzlich auskühlen lassen.
Ich würde deshalb immer wieder kontrollieren, wie trocken das Pferd bereits ist, und die Abschwitzdecke bei Bedarf wechseln oder abnehmen.
Auch hier gilt: Eine Decke ersetzt kein vernünftiges Warmreiten und Trockenreiten.
Ein Pferd sollte ausreichend Zeit bekommen, seine Muskulatur auf die Arbeit vorzubereiten und nach der Belastung wieder zur Ruhe zu kommen. Gerade bei geschorenen Pferden müssen wir dabei die Außentemperatur stärker berücksichtigen.
PPID: Wenn das Pferd sein Winterfell nicht mehr richtig verliert
Bisher haben wir hauptsächlich darüber gesprochen, warum Pferde im Herbst und Winter geschoren werden. Es gibt allerdings auch Pferde, bei denen die Schermaschine gerade dann wichtig wird, wenn andere Pferde ihr Winterfell längst wieder abwerfen.
Ein typisches Beispiel sind Pferde mit PPID, einer Erkrankung, die früher häufig als Equines Cushing-Syndrom bezeichnet wurde.
PPID steht für Pituitary Pars Intermedia Dysfunction. Dabei handelt es sich um eine Erkrankung, bei der ein bestimmter Bereich der Hirnanhangsdrüse nicht mehr normal reguliert wird. Betroffen sind vor allem ältere Pferde und Ponys, wobei die Erkrankung nicht ausschließlich im hohen Alter vorkommt.
Ein auffälliges Merkmal kann ein gestörter Fellwechsel sein.
Während gesunde Pferde im Frühjahr ihr dichtes Winterfell nach und nach verlieren, behalten manche Pferde mit PPID ungewöhnlich lange, dichte oder sogar lockige Haare. Teilweise fällt das Winterfell nur unvollständig aus, sodass das Pferd im Mai oder Juni noch immer aussieht, als hätte es den Winter nicht ganz mitbekommen.
Früher wurde das lange, teilweise lockige Fell häufig als besonders typisches Merkmal von Cushing-Pferden beschrieben. Heute wissen wir, dass nicht jedes Pferd mit PPID dieses auffällige Fell entwickeln muss. Gerade im frühen Krankheitsstadium können die Veränderungen wesentlich unauffälliger sein.
Aber wenn ein Pferd sein Winterfell nicht mehr richtig verliert, sollten wir genauer hinsehen.
Warum das lange Fell im Frühjahr und Sommer zum Problem werden kann
Stell dir vor, du müsstest im Mai bei 22 Grad noch immer deine dicke Winterjacke tragen. Und zwar nicht nur beim Spazierengehen, sondern den ganzen Tag.
So ähnlich kann sich die Situation für ein Pferd darstellen, das sein dichtes Winterfell nicht ausreichend abwirft.
Die natürliche Isolation, die im Winter so hilfreich war, wird bei steigenden Temperaturen zunehmend zum Problem. Der Körper muss überschüssige Wärme abgeben, aber das lange Fell erschwert diesen Vorgang.
Solche Pferde können schon bei vergleichsweise geringer Belastung stark schwitzen. Manche wirken bei warmem Wetter schneller erschöpft, suchen vermehrt Schatten auf oder bewegen sich weniger gern.
Natürlich bedeutet starkes Schwitzen allein noch nicht, dass ein Pferd PPID hat. Aber wenn ein älteres Pferd gleichzeitig einen auffälligen Fellwechsel zeigt, sollte man diese Möglichkeit unbedingt berücksichtigen.
Und genau hier kann das Scheren eine wichtige Erleichterung sein.
Während wir bei einem gesunden Freizeitpferd vielleicht überlegen, ob eine Schur überhaupt notwendig ist, kann sie bei einem Pferd mit PPID dazu beitragen, dass es mit den steigenden Temperaturen wesentlich besser zurechtkommt.
Wann sollte ein Pferd mit PPID geschoren werden?
Bei Pferden mit PPID richtet sich der richtige Zeitpunkt nicht nach dem üblichen Scherkalender für Sportpferde.
Häufig wird das Scheren erst im Frühjahr notwendig, wenn die Temperaturen steigen und deutlich wird, dass das Pferd sein Winterfell nicht ausreichend verliert.
Während die anderen Pferde auf der Koppel bereits ihr kürzeres Sommerfell tragen, steht das betroffene Pferd möglicherweise noch immer mit einer dicken, langen Fellschicht da.
Dann würde ich nicht darauf warten, dass der Fellwechsel irgendwann vielleicht doch noch vollständig einsetzt.
Wenn das Pferd bei wärmerem Wetter erkennbar unter seinem langen Fell leidet, kann eine Schur sinnvoll sein. Je nach Fellwachstum und Krankheitsverlauf kann es auch notwendig werden, im Laufe des Sommers erneut zu scheren.
Allerdings sollte man auch hier nicht automatisch eine vollständige Schur durchführen. Entscheidend ist, wie stark das Fellwachstum ausgeprägt ist, wie das Pferd mit den Temperaturen zurechtkommt und welche Bereiche besonders betroffen sind.
Bei einem Pferd, das sehr dichtes Fell am gesamten Körper trägt und unter Wärmebelastung leidet, kann eine großflächigere Schur sinnvoll sein. Bei einem anderen reicht möglicherweise eine teilweise Schur aus.
Gerade im Frühjahr dürfen wir außerdem die noch kühlen Nächte nicht vergessen. Wenn ein Pferd sein langes Fell verloren hat, kann es bei einem plötzlichen Kälteeinbruch zusätzlichen Schutz benötigen.
Deshalb gilt auch bei PPID: Erst überlegen, wie das Pferd nach der Schur versorgt wird, und dann scheren.
Scheren erleichtert die Symptome, behandelt aber nicht die Erkrankung
Das ist mir besonders wichtig.
Wenn wir einem Pferd mit PPID sein langes Fell abscheren, kann es überschüssige Wärme leichter abgeben. Das kann sein Wohlbefinden deutlich verbessern.
Aber wir behandeln damit nicht die Ursache.
PPID ist eine hormonelle Erkrankung, die tierärztlich diagnostiziert und begleitet werden muss. Neben Veränderungen des Fellwechsels können unter anderem Muskelabbau, Veränderungen der Fettverteilung, vermehrtes Trinken und Harnlassen, Leistungsschwäche oder wiederkehrende Infektionen auftreten.
Besonders ernst zu nehmen ist außerdem das Risiko einer Hufrehe, vor allem wenn zusätzlich eine Störung des Insulinstoffwechsels vorliegt.
Deshalb sollte ein Pferd mit auffälligem Fellwechsel nicht einfach nur geschoren werden, damit es wieder ordentlich aussieht.
Es gehört abgeklärt, warum sich das Fell verändert hat.
Die tierärztliche Diagnostik erfolgt unter anderem anhand der klinischen Symptome und geeigneter Hormonuntersuchungen. Dabei muss auch berücksichtigt werden, dass bestimmte Laborwerte jahreszeitlichen Schwankungen unterliegen.
Je nach Befund kann eine medikamentöse Behandlung, beispielsweise mit Pergolid, notwendig sein. Hinzu kommen ein angepasstes Fütterungs- und Haltungsmanagement sowie regelmäßige Kontrollen.
Die Schur ist dabei eine unterstützende Maßnahme. Sie kann das Leben des Pferdes bei warmem Wetter erleichtern, ersetzt aber keine Behandlung.
Und noch etwas sollten wir bedenken: Gerade ältere Pferde mit PPID können körperlich empfindlicher sein oder zusätzliche gesundheitliche Probleme haben. Deshalb sollte auch die Schur selbst möglichst schonend durchgeführt werden.
Ein Pferd, das unter Wärmebelastung leidet, muss nicht zusätzlich durch eine hektische, anstrengende Schur unnötig belastet werden.
Wenn das Pferd nicht geschoren werden möchte
Nicht jedes Pferd steht begeistert da, wenn die Schermaschine eingeschaltet wird.
Manche Pferde kennen das Geräusch und die Vibrationen seit Jahren und lassen sich problemlos scheren. Andere werden bereits unruhig, wenn die Maschine nur in ihre Nähe kommt.
Ich finde, wir sollten uns dann nicht ausschließlich damit beschäftigen, wie wir das Pferd möglichst schnell ruhigstellen können.
Vielleicht hat es schlechte Erfahrungen gemacht. Vielleicht ist ihm das Geräusch unangenehm, vielleicht erschrickt es vor den Vibrationen oder empfindet bestimmte Körperstellen als besonders sensibel.
Gerade an Kopf, Bauch, Flanken oder zwischen den Hinterbeinen reagieren manche Pferde empfindlicher.
Das bedeutet nicht, dass wir grundsätzlich auf jede Schur verzichten müssen, sobald ein Pferd unruhig wird. Aber wir sollten uns fragen, warum es so reagiert und ob wir den Vorgang für das Pferd angenehmer gestalten können.
Eine ruhige Umgebung, ausreichend Zeit, eine geeignete Schermaschine und ein Pferd, das schrittweise an Geräusch und Berührung gewöhnt wurde, können viel verändern.
Ich würde zunächst versuchen, das Pferd mit der Maschine vertraut zu machen, ohne sofort mit dem Scheren zu beginnen. Es darf die Maschine anschauen, das Geräusch kennenlernen und erleben, dass nichts Unangenehmes passiert.
Erst wenn es damit zurechtkommt, würde ich schrittweise weitergehen.
Und wenn ein Pferd deutlich zeigt, dass es mit der Situation überfordert ist, dann halte ich es für sinnvoll, die Schur zu unterbrechen und zu überlegen, wie wir weiter vorgehen.
Scheren sollte schließlich kein Kampf werden, bei dem am Ende nur zählt, dass das Fell ab ist.
Muss ein Pferd zum Scheren sediert werden?
Es gibt Pferde, die sich trotz Vorbereitung und ruhigem Vorgehen kaum scheren lassen. Dann kommt gelegentlich die Frage nach einer Sedierung auf.
Ich finde, diese Entscheidung sollte man sich nicht leicht machen.
Wenn ein Pferd sich so stark gegen die Schur wehrt, dass eine Sedierung notwendig erscheint, würde ich zuerst fragen, ob die Schur wirklich erforderlich ist und ob es eine weniger belastende Alternative gibt.
Vielleicht reicht eine kleinere Teilschur. Vielleicht lässt sich das Pferd mit entsprechendem Training langsam an die Schermaschine gewöhnen. Und manchmal ist es möglicherweise sinnvoller, ganz auf die Schur zu verzichten.
Natürlich kann es Situationen geben, in denen eine Schur aus gesundheitlichen Gründen notwendig ist und ohne Sedierung ein erhebliches Verletzungsrisiko besteht. Ein älteres Pferd mit PPID, das im Sommer unter seinem langen Fell leidet und sich gleichzeitig kaum scheren lässt, ist beispielsweise anders zu beurteilen als ein gesundes Freizeitpferd, das lediglich aus optischen Gründen geschoren werden soll.
Dann gehört die Entscheidung über eine Sedierung in tierärztliche Hände. Eine Sedierung ist keine harmlose Abkürzung, kann in begründeten Fällen aber die sicherere und weniger belastende Lösung sein.
Für mich bleibt die entscheidende Frage: Tun wir das gerade wirklich für das Pferd oder hauptsächlich, weil wir möchten, dass es geschoren ist?
Was ist beim Scheren aus Tierschutzsicht zu beachten?
Beim Scheren geht es nicht nur darum, welche Haare entfernt werden. Auch die Durchführung selbst muss so erfolgen, dass dem Pferd keine vermeidbaren Schmerzen, Leiden oder Schäden entstehen.
Das beginnt bereits bei einer geeigneten Schermaschine. Stumpfe oder verschmutzte Schermesser können am Fell ziehen, die Haut reizen oder sogar verletzen. Auch überhitzte Scherköpfe sind unangenehm und können zu Hautschäden führen.
Das Pferd sollte sauber und trocken sein, damit die Maschine gleichmäßig arbeiten kann. Außerdem braucht es einen sicheren, möglichst ruhigen Platz, an dem es nicht durch ständigen Betrieb oder andere Pferde unnötig abgelenkt wird.
Besonders empfindliche Bereiche sollten vorsichtig behandelt werden. Dazu gehören beispielsweise die Hautfalten an den Ellenbogen, der Bauchbereich und die Umgebung der Hinterbeine.
Und dann gibt es noch einen Punkt, der leider immer wieder für Diskussionen sorgt: das Entfernen von Tasthaaren.
Tasthaare sind keine überflüssigen Haare
Die langen Tasthaare an Maul und Augen gehören zum Tastsinn des Pferdes. Sie helfen ihm dabei, seine unmittelbare Umgebung wahrzunehmen, insbesondere dort, wo es mit den Augen nicht alles erkennen kann.
Das Entfernen oder Kürzen dieser Haare aus rein kosmetischen Gründen ist in Deutschland tierschutzrechtlich nicht zulässig. Ausnahmen kommen nur bei einer entsprechenden medizinischen Notwendigkeit infrage.
Für mich ist die Sache ohnehin klar: Ein Pferd braucht seine Tasthaare. Warum sollte ich ihm eine wichtige Sinnesfunktion nehmen, nur damit der Kopf etwas ordentlicher aussieht?
Und was ist mit den Haaren in den Ohren?
Auch die Haare im Inneren der Ohrmuschel haben eine Funktion. Sie helfen dabei, den empfindlichen Gehörgang vor Schmutz und Fremdkörpern zu schützen.
Deshalb sollte man sie nicht einfach vollständig entfernen.
Wer den äußeren Rand der Ohren aus optischen Gründen etwas ordentlich halten möchte, muss dabei besonders vorsichtig vorgehen und darauf achten, die schützenden Haare im Inneren nicht zu beschädigen. Das Ausrasieren der Ohrmuscheln wird in den deutschen Tierschutzleitlinien ausdrücklich kritisch bewertet.
Auch hier gilt: Nicht alles, was man scheren kann, muss man tatsächlich scheren.
Ein ordentlich aussehendes Pferd ist schließlich nicht automatisch ein besser versorgtes Pferd.
Wissensblock: Was die Wissenschaft über das Scheren von Pferden herausgefunden hat
Dass das Scheren die Wärmeabgabe während der Arbeit beeinflusst, ist nicht nur eine Erfahrung aus dem Stallalltag.
Bereits 2002 untersuchten Morgan, Funkquist und Nyman sechs Trabrennpferde vor und nach dem Scheren. Die Pferde absolvierten intensive Belastungstests auf einem Laufband, während verschiedene physiologische Werte gemessen wurden.
Dabei zeigte sich, dass die geschorenen Pferde während der Arbeit weniger stark an Körpertemperatur zunahmen und Wärme leichter abgeben konnten. Auch die Atemfrequenz normalisierte sich nach der Belastung schneller.
Die Forschenden kamen zu dem Ergebnis, dass das Scheren die Belastung des Wärmeregulationssystems bei intensiver Arbeit verringern kann.
Eine weitere Untersuchung aus dem Jahr 2012 betrachtete drei Pferde beziehungsweise Ponys unter verschiedenen Bedingungen. Sie wurden sowohl mit vollständigem Winterfell als auch nach unterschiedlichen Schuren bewegt. Zusätzlich wurde untersucht, welchen Einfluss Decken während der Arbeit und der anschließenden Erholungsphase hatten.
Die Ergebnisse zeigten, dass geschorene Pferde während der Belastung weniger stark zur Überhitzung neigten. Gleichzeitig wurde aber auch deutlich, dass eine Schur die Wärmeverhältnisse an der Haut verändert und Decken dabei helfen können, den Wärmeverlust bei kühlen Temperaturen zu begrenzen.
Wichtig ist allerdings, dass beide Untersuchungen mit relativ wenigen Pferden durchgeführt wurden. Die Ergebnisse liefern wertvolle Hinweise auf die physiologischen Zusammenhänge, erlauben aber keine allgemeingültige Empfehlung für jedes Pferd und jede Schur.
Auch zum Thema PPID gibt es wissenschaftliche Leitlinien. Die 2024 veröffentlichten klinischen Empfehlungen der British Equine Veterinary Association beschreiben einen verzögerten oder unvollständigen Fellwechsel sowie übermäßiges Fellwachstum als wichtige Hinweise auf die Erkrankung.
Dabei wird deutlich, dass ein auffälliger Fellwechsel nicht einfach als normale Alterserscheinung abgetan werden sollte. Gerade bei älteren Pferden kann er ein Anlass sein, gezielt auf PPID zu untersuchen.
Die Schur kann bei diesen Pferden eine sinnvolle Maßnahme sein, um die Wärmeabgabe zu erleichtern. Sie verändert jedoch nicht die zugrunde liegende hormonelle Erkrankung.
Für mich ergibt sich daraus eine recht klare Schlussfolgerung: Das Scheren kann die Wärmeabgabe während intensiver Arbeit erleichtern. Bei Pferden mit gestörtem Fellwechsel kann es außerdem helfen, übermäßige Wärmebelastung im Frühjahr und Sommer zu reduzieren. Gleichzeitig entfernen wir damit einen Teil des natürlichen Kälteschutzes, den wir bei niedrigen Temperaturen berücksichtigen müssen.
Genau deshalb sollte die Entscheidung für eine Schur immer vom einzelnen Pferd und seiner tatsächlichen Situation ausgehen.
Mein Fazit: So viel scheren wie nötig, so wenig wie möglich
Ich habe grundsätzlich nichts gegen das Scheren von Pferden. Es gibt Situationen, in denen eine Schur sinnvoll ist und dem Pferd die Arbeit im Winter erleichtern kann. Und es gibt Pferde, bei denen eine Schur aus gesundheitlichen Gründen eine echte Erleichterung darstellt.
Was ich allerdings kritisch sehe, ist das Scheren aus reiner Gewohnheit.
Nur weil ein Pferd im vergangenen Winter vollständig geschoren wurde, bedeutet das nicht, dass es auch in diesem Jahr notwendig ist. Vielleicht wird es inzwischen weniger intensiv gearbeitet. Vielleicht hat sich seine Haltung verändert. Oder vielleicht würde eine kleinere Teilschur bereits ausreichen.
Gerade bei Pferden im Offenstall würde ich sehr genau überlegen, wie viel Winterfell tatsächlich entfernt werden muss.
Denn das Winterfell ist kein lästiges Überbleibsel, das wir möglichst schnell loswerden sollten. Es ist ein wichtiger Bestandteil der natürlichen Thermoregulation.
Bei einem Pferd mit PPID kann genau dieses Fell dagegen zum Problem werden, wenn es im Frühjahr nicht ausreichend ausfällt und die Temperaturen steigen. Dann kann die Schur eine wichtige Unterstützung sein, auch wenn das Pferd überhaupt nicht intensiv gearbeitet wird.
Und auch der Weg zur fertigen Schur gehört für mich dazu. Ein Pferd, das sich vor der Schermaschine fürchtet, braucht keine härtere Hand, sondern jemanden, der sich mit seinen Reaktionen auseinandersetzt.
Vielleicht ist am Ende eine kleine Schur genau richtig. Vielleicht braucht es eine größere. Und vielleicht braucht das Pferd überhaupt keine.
Die beste Schur ist für mich deshalb nicht die schönste oder aufwendigste.
Sondern die, die zum Pferd passt.
Fünf häufige Fragen zum Pferdescheren
1. Wann sollte ich mein Pferd im Herbst scheren?
Viele Pferde werden im Oktober oder November geschoren, wenn das Winterfell deutlich entwickelt ist. Entscheidend sollte aber nicht das Datum sein, sondern ob das Pferd bei seiner tatsächlichen Arbeitsbelastung regelmäßig stark schwitzt und lange zum Trocknen benötigt.
2. Welche Schur eignet sich für ein Freizeitpferd?
Für leicht bis mäßig gearbeitete Pferde sind häufig kleinere Teilschuren wie die Latz-, Irish- oder Streifenschur sinnvoll. Sie erleichtern die Wärmeabgabe an bestimmten Körperstellen, während ein großer Teil des natürlichen Winterfells erhalten bleibt.
3. Darf ich mein Offenstallpferd scheren?
Ja, auch Offenstallpferde können geschoren werden. Ich würde allerdings möglichst viel Winterfell erhalten und eine passende Teilschur bevorzugen. Besonders wichtig sind anschließend geeigneter Witterungsschutz und gegebenenfalls eine passende Decke.
4. Wann sollte ein Pferd mit PPID geschoren werden?
Bei Pferden mit PPID kann eine Schur besonders im Frühjahr und Sommer sinnvoll sein, wenn das Winterfell nicht ausreichend ausfällt und die steigenden Temperaturen zu einer erhöhten Wärmebelastung führen. Der richtige Zeitpunkt hängt vom Fellzustand, dem Wetter und dem individuellen Pferd ab. Ein auffälliger Fellwechsel sollte immer auch tierärztlich abgeklärt werden.
5. Was mache ich, wenn mein Pferd Angst vor der Schermaschine hat?
Zunächst sollte geklärt werden, ob die Schur tatsächlich notwendig ist. Anschließend kann das Pferd schrittweise an Geräusch, Vibration und Berührung gewöhnt werden. Bei starken Angstreaktionen sollte die Schur unterbrochen und gegebenenfalls fachkundige Unterstützung hinzugezogen werden. Ist eine Schur aus gesundheitlichen Gründen dringend erforderlich, kann eine tierärztlich begleitete Sedierung im Einzelfall die schonendere Lösung sein.
Wissenschaftliche Quellen
Morgan, K., Funkquist, P. & Nyman, G. (2002): The effect of coat clipping on thermoregulation during intense exercise in trotters. Equine Veterinary Journal, Supplement 34, 564–567.
https://doi.org/10.1111/j.2042-3306.2002.tb05484.x
Wallsten, H., Olsson, K. & Dahlborn, K. (2012): Temperature regulation in horses during exercise and recovery in a cool environment. Acta Veterinaria Scandinavica, 54, Artikel 42.
https://doi.org/10.1186/1751-0147-54-42
Menzies-Gow, N. J. et al. (2024): BEVA primary care clinical guidelines: Diagnosis and management of equine pituitary pars intermedia dysfunction. Equine Veterinary Journal.
https://doi.org/10.1111/evj.14009
Tierschutzgesetz (TierSchG), insbesondere §§ 1 und 2 sowie die einschlägigen Bestimmungen zu Eingriffen am Tier.
https://www.gesetze-im-internet.de/tierschg/