Pferde nehmen sehr viel mehr von uns wahr, als uns im Alltag häufig bewusst ist. Sie reagieren nicht nur auf den Zug am Strick, die Bewegung unseres Schenkels oder eine bewusst gegebene Hilfe. Sie bemerken auch, wenn sich unsere Atmung verändert, unsere Muskulatur fester wird oder unsere Aufmerksamkeit plötzlich nicht mehr bei ihnen ist.
Dabei können Pferde unsere Gedanken natürlich nicht lesen. Sie wissen nicht, ob wir uns beobachtet fühlen, uns Sorgen machen oder unbedingt etwas besonders gut machen möchten. Sie können jedoch die körperlichen Veränderungen wahrnehmen, die durch unsere Gedanken und Gefühle entstehen.
Vielleicht wird unser Atem flacher. Vielleicht halten wir unbewusst die Luft an. Unsere Schultern ziehen sich nach oben, unsere Hände werden fester oder unsere Bewegungen verlieren ihre Selbstverständlichkeit. Manchmal verändert sich nur sehr wenig. Doch gerade diese feinen Veränderungen können für ein Pferd bereits wichtige Informationen sein.
Das bedeutet nicht, dass jeder Stress beim Pferd durch den Menschen verursacht wird. Schmerzen, unpassende Ausrüstung, Überforderung, frühere Erfahrungen, Veränderungen in der Herde oder äußere Reize können ebenfalls eine Rolle spielen.
Trotzdem lohnt es sich, auch den eigenen inneren Zustand in die Beobachtung einzubeziehen. Denn Mensch und Pferd bewegen sich nicht unabhängig voneinander durch eine Situation. Sie reagieren aufeinander – manchmal so fein, dass wir erst viel später erkennen, wann sich etwas zwischen ihnen verändert hat.
Wenn dein Pferd plötzlich anders reagiert
Kennst du das?
Du reitest mit deinem Pferd in der Halle. Die Einheit fühlt sich leicht an. Dein Pferd arbeitet aufmerksam mit, die Lektionen gelingen und du bist richtig zufrieden mit euch beiden. Vielleicht denkst du gerade noch, wie schön sich alles heute entwickelt.
Dann bemerkst du am Rand ein paar Mädchen. Sie stehen zusammen, lachen und schauen immer wieder zu dir herüber.
Vielleicht weißt du gar nicht, ob sie tatsächlich über dich sprechen. Trotzdem verändert sich etwas. Du fühlst dich beobachtet. Plötzlich möchtest du besonders schön reiten, die nächste Lektion besonders gut zeigen oder beweisen, dass ihr sie sicher beherrscht.
Doch genau diese Lektion misslingt.
Du versuchst es noch einmal. Beim zweiten Mal wird es nicht besser. Dein Pferd fühlt sich plötzlich fester an, reagiert später auf deine Hilfen oder wird unruhiger. Vielleicht eilt es, verwirft sich oder verliert den Takt.
Sofort beginnen deine Gedanken zu kreisen.
Warum klappt es auf einmal nicht mehr? Bin ich schon zu lange geritten? Hat mein Pferd keine Lust mehr? Hat es die Lektion vergessen? Oder kann ich einfach nicht gut genug reiten?
In solchen Momenten schauen wir meist zuerst auf das Pferd. Wir fragen uns, warum es plötzlich nicht mehr so reagiert wie wenige Minuten zuvor. Doch vielleicht hat sich nicht zuerst dein Pferd verändert. Vielleicht hat sich zunächst etwas in dir verändert.
Noch bevor die Lektion misslungen ist, war deine Aufmerksamkeit nicht mehr vollständig bei deinem Pferd. Ein Teil von dir war bei den Menschen am Rand. Du hast dich gefragt, was sie denken, warum sie lachen oder wie dein Reiten von außen aussieht.
Vielleicht wurde dein Atem flacher. Möglicherweise hast du deine Bauchmuskulatur stärker angespannt, die Schultern festgehalten oder die Zügel unbewusst etwas kürzer genommen. Vielleicht wolltest du die Lektion nun besonders korrekt ausführen und hast dadurch mehr gemacht als vorher.
Aus deiner Sicht sind das nur kleine Veränderungen. Für dein Pferd kann sich die Situation jedoch deutlich anders anfühlen.
Eben noch war dein Körper beweglich. Deine Hilfen entstanden aus dem gemeinsamen Bewegungsablauf. Nun sitzt du vielleicht fester, hältst mehr mit der Hand oder gibst mehrere Hilfen gleichzeitig. Dein Pferd erhält dadurch nicht mehr dieselbe klare Information wie zuvor.
Es weiß nicht, dass du dich beobachtet fühlst. Es weiß auch nicht, dass du gerade besonders gut reiten möchtest. Es nimmt nur wahr, dass sich deine Atmung, deine Körperspannung und die Qualität deiner Hilfen verändert haben.
Darauf kann es mit eigener Anspannung reagieren.
Vielleicht spannt es den Rücken an, hebt den Kopf oder wird schneller. Vielleicht reagiert es weniger fein, weil deine Hilfen für das Pferd schwieriger zu verstehen sind. Manche Pferde werden unruhig, andere langsamer oder scheinbar widersetzlich.
Nun entsteht leicht ein Kreislauf. Weil dein Pferd anders reagiert, wirst du noch unsicherer. Du möchtest die Lektion unbedingt korrigieren und setzt deine Hilfen stärker ein. Dein Pferd wird dadurch möglicherweise noch fester. Schließlich bestätigt sich scheinbar deine Sorge: Plötzlich funktioniert nichts mehr.
Doch das bedeutet nicht, dass du auf einmal nicht mehr reiten kannst. Dein Pferd hat die Lektion auch nicht innerhalb weniger Minuten verlernt.
Wahrscheinlicher ist, dass sich das feine Zusammenspiel zwischen euch verändert hat. Deine innere Anspannung hat deinen Körper und deine Hilfen beeinflusst. Dein Pferd hat darauf reagiert – und seine Reaktion hat wiederum deine Unsicherheit verstärkt.
Das ist nichts Ungewöhnliches. Fast jeder kennt Situationen, in denen etwas leicht gelingt, solange niemand zusieht, und plötzlich schwieriger wird, sobald man sich beobachtet oder bewertet fühlt.
Entscheidend ist deshalb nicht, dass du immer vollkommen ruhig und entspannt sein musst. Dieser Anspruch würde nur noch mehr Druck erzeugen. Viel hilfreicher ist es, solche Veränderungen früher wahrzunehmen.
Denn Pferde reagieren nicht auf das, was wir eigentlich vermitteln wollten. Sie reagieren auf das, was unser Körper in diesem Moment tatsächlich ausdrückt.

Was bedeutet „Anspannung überträgt sich“ eigentlich?
Manchmal fühlt es sich an, als könnte unser Pferd unsere Gedanken lesen. Es scheint genau zu wissen, ob wir unsicher, angespannt, traurig oder mit unseren Gedanken ganz woanders sind.
Doch Pferde können unsere Gedanken nicht lesen.
Was sie sehr wohl wahrnehmen können, sind die körperlichen Veränderungen, die durch unsere Gedanken und Gefühle entstehen. Wenn wir nervös werden, verändert sich meist auch unser Körper. Unsere Atmung wird flacher, die Muskulatur spannt sich an, unsere Bewegungen werden vorsichtiger oder hektischer und manchmal verändert sich sogar unsere Stimme.
Pferde sind hervorragende Beobachter der Körpersprache. Sie nehmen ihre Umgebung und die Lebewesen darin fortlaufend wahr. Schon kleine Veränderungen in Haltung, Spannung, Bewegung oder Blickrichtung können für sie wichtige Informationen enthalten.
Für ein Fluchttier ist diese Fähigkeit entscheidend. In einer Herde kann die Veränderung bei einem anderen Pferd darauf hinweisen, dass etwas in der Umgebung Beachtung verdient. Ein angehobener Kopf, ein gespannter Körper oder ein plötzlich gerichteter Blick können ausreichen, damit auch die anderen Pferde aufmerksamer werden.
Diese feine Wahrnehmung nutzen Pferde auch im Kontakt mit uns Menschen.
Dabei achten sie nicht nur auf unsere bewussten Signale. Sie nehmen ebenfalls wahr, wie wir uns bewegen, wie wir atmen, wie viel Spannung unser Körper hat und wohin wir unsere Aufmerksamkeit richten.
Oft wird in diesem Zusammenhang von Ausstrahlung oder Energie gesprochen. Damit ist keine geheimnisvolle oder mystische Energie gemeint. Gemeint ist das Gesamtbild, das unser innerer Zustand nach außen vermittelt.
Ein trauriger Mensch wirkt meist anders als ein fröhlicher und energiegeladener Mensch. Hängende Schultern, ein gesenkter Blick und langsame Bewegungen vermitteln etwas anderes als ein aufrechter Körper, ein klarer Blick und sichere Schritte.
Auch wir Menschen lesen solche Signale ständig. Wir merken häufig schnell, ob jemand wirklich entspannt ist oder nur versucht, so zu wirken. Ein Lächeln allein reicht nicht immer aus, wenn die Augen, die Stimme und die gesamte Körperspannung etwas anderes ausdrücken.
Die Körpersprache verrät häufig mehr als Worte.
Pferde sind Meister darin, diese kleinen Widersprüche wahrzunehmen. Sie erkennen, ob wir präsent sind oder mit unseren Gedanken abschweifen. Sie bemerken, ob wir ruhig und klar handeln oder innerlich bereits mit einer schwierigen Reaktion rechnen.
Das bedeutet jedoch nicht, dass sie genau wissen, warum wir uns so fühlen. Sie können nicht erkennen, ob wir uns wegen eines Gesprächs, einer Prüfung oder einer früheren Situation mit dem Pferd Sorgen machen.
Sie nehmen zunächst nur wahr, dass sich etwas verändert hat.
Genau diese Veränderungen können auch zu Stress beim Pferd beitragen. Nicht, weil das Pferd unsere Gefühle einfach übernimmt, sondern weil sich unsere Atmung, unsere Körpersprache und die Qualität unserer Signale verändern.
Pferde können unter anderem auf folgende Veränderungen reagieren:
- flachere oder angehaltene Atmung
- festere Muskeln
- eine veränderte Körperhaltung
- schnellere oder zögerlichere Bewegungen
- einen kürzer genommenen Strick
- mehr Druck am Zügel
- eine veränderte Stimme
- einen starren oder suchenden Blick
- hektische, widersprüchliche oder unklare Hilfen
- Veränderungen in unserer Mimik
Jedes dieser Signale allein muss noch keine Anspannung auslösen. Entscheidend ist, wie mehrere Veränderungen zusammenspielen und in welcher Situation sie auftreten.
Unser Pferd reagiert also nicht auf einen einzelnen Gedanken in unserem Kopf. Es reagiert auf das, was dieser Gedanke in unserem Körper sichtbar und spürbar verändert.
Wenn wir sagen, dass sich Anspannung auf das Pferd überträgt, ist damit deshalb nicht gemeint, dass ein Gefühl wie von selbst von einem Lebewesen zum anderen springt. Gemeint ist, dass sich unser innerer Zustand in unserem Körper, unserer Atmung, unserer Bewegung und unseren Hilfen zeigt.
Das Pferd nimmt diese Veränderungen wahr und kann sein eigenes Verhalten daran anpassen. Wird unser Körper fester, können auch seine Bewegungen angespannter werden. Werden unsere Hilfen unklarer, kann es zögerlich, hektisch oder unsicher reagieren. Richten wir unsere Aufmerksamkeit plötzlich auf eine vermeintliche Gefahr, wird möglicherweise auch das Pferd aufmerksamer.
So entsteht der Eindruck, unsere Anspannung sei ansteckend. Tatsächlich handelt es sich um einen feinen Kreislauf aus Wahrnehmen und Reagieren. Der Mensch verändert sich, das Pferd antwortet darauf und diese Antwort beeinflusst wiederum den Menschen.
Genau deshalb kann unsere innere Anspannung mehr bewirken, als wir zunächst denken.
Wissensblock: Warum Pferde so sensibel auf Veränderungen reagieren
Pferde sind soziale Lebewesen. Innerhalb einer Herde ist es wichtig, Veränderungen bei anderen früh wahrzunehmen. Schon ein angehobener Kopf, ein veränderter Blick, eine gespanntere Körperhaltung oder eine plötzliche Bewegung können darauf hinweisen, dass ein anderes Pferd etwas Wichtiges entdeckt hat.
Diese feine Wahrnehmung hilft Pferden, ihre Umgebung einzuschätzen und sich innerhalb der Gruppe abzustimmen. Dabei achten sie nicht nur auf ein einzelnes Signal, sondern auf das Zusammenspiel verschiedener Hinweise.
Auch im Umgang mit Menschen bleibt diese Fähigkeit erhalten. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Pferde freundliche und ärgerliche menschliche Gesichtsausdrücke unterscheiden und darauf unterschiedlich reagieren können. Bei der Betrachtung ärgerlicher Gesichter wurden unter anderem Veränderungen der Blickrichtung und ein schnellerer Anstieg der Herzfrequenz beobachtet.
Weitere Untersuchungen deuten darauf hin, dass Pferde verschiedene Informationen miteinander verbinden können. Sie nehmen also nicht ausschließlich ein Gesicht, eine Stimme oder eine einzelne Bewegung wahr, sondern können sichtbare und hörbare emotionale Hinweise gemeinsam einordnen.
Auch menschlicher Körpergeruch könnte Informationen über einen emotionalen Zustand vermitteln. Studien zeigen, dass Pferde unterschiedlich auf Gerüche reagieren können, die während menschlicher Angst oder Freude entstanden sind. Dieser Forschungsbereich ist jedoch noch vergleichsweise jung.
Das bedeutet nicht, dass Pferde unsere Gedanken lesen oder jedes Gefühl automatisch übernehmen. Sie nehmen vielmehr wahr, was unser innerer Zustand nach außen verändert: unsere Haltung, unsere Bewegungen, unsere Stimme, unseren Blick und wahrscheinlich noch weitere Informationen.
Aus diesen Eindrücken entsteht für das Pferd ein Gesamtbild. Wirken unsere Signale plötzlich angespannter, unklarer oder widersprüchlicher, kann auch das Pferd aufmerksamer oder unsicherer werden.
Wie stark es darauf reagiert, hängt jedoch immer vom einzelnen Pferd, seinen Erfahrungen und der jeweiligen Situation ab.
Ein typisches Missverständnis: Das Pferd reagiert erst auf die Hilfe
Viele Menschen gehen davon aus, dass ein Pferd erst dann reagiert, wenn wir ihm bewusst eine Hilfe geben. Zum Beispiel, wenn wir den Schenkel anlegen, am Strick ein Signal geben oder die Zügel aufnehmen.
Doch häufig beginnt die Kommunikation schon viel früher.
Noch bevor wir eine bewusste Hilfe geben, hat sich in unserem Körper oft bereits etwas verändert. Vielleicht verlagern wir unser Gewicht, halten für einen Moment den Atem an oder werden in der Muskulatur fester. Manchmal erstarrt der Körper ganz kurz, die Hand bewegt sich unbewusst oder der Blick richtet sich bereits auf das, was gleich geschehen soll.
Für uns sind diese Veränderungen oft kaum wahrnehmbar. Für das Pferd können sie jedoch bereits eine wichtige Information sein.
Das erklärt auch, warum ein Pferd manchmal scheinbar „zu früh“ reagiert oder warum wir das Gefühl haben, es habe unsere Gedanken gelesen. Tatsächlich hat es nicht auf den Gedanken selbst reagiert, sondern auf die körperlichen Veränderungen, die ihm vorausgingen.
Ein Pferd kann beispielsweise schon langsamer werden, bevor wir bewusst am Zügel einwirken, weil wir unseren Oberkörper aufrichten, den Atem anhalten oder im Becken fester werden. Ebenso kann es vor einer schwierigen Stelle anspannen, wenn wir unseren Blick dorthin richten, den Strick kürzer nehmen oder unsere Schritte verändern.
Entscheidend ist deshalb nicht nur die einzelne Hilfe. Auch das Geschehen davor, währenddessen und danach gehört zur Kommunikation zwischen Mensch und Pferd.
Wie viel wir unserem Pferd schon vor der eigentlichen Hilfe mitteilen, betrachten wir in einem eigenen Artikel noch ausführlicher. Denn die unbewusste Körpersprache ist ein großes Thema für sich.
Für diesen Artikel ist zunächst wichtig: Unsere innere Anspannung bleibt nicht im Kopf. Sie verändert den Körper – und genau das kann unser Pferd wahrnehmen.
Wenn aus Anspannung ein Kreislauf wird
Innere Anspannung ist nicht grundsätzlich problematisch. Sie gehört zum Leben und kann uns sogar helfen, aufmerksam zu werden. Schwierig wird es häufig erst dann, wenn Mensch und Pferd sich gegenseitig immer weiter in ihrer Unsicherheit bestätigen.
Stell dir vor, du möchtest mit deinem Pferd an einer Stelle vorbeigehen, an der es beim letzten Mal erschrocken ist. Noch bevor ihr dort angekommen seid, erinnerst du dich an die frühere Situation.
Deine Atmung wird flacher. Du nimmst den Strick etwas kürzer und richtest deinen Blick auf genau die Stelle, an der dein Pferd zuvor erschrocken ist.
Dein Pferd nimmt wahr, dass sich etwas verändert. Vielleicht hebt es den Kopf, verlangsamt seine Schritte oder schaut ebenfalls zu dieser Stelle.
Du bemerkst seine Reaktion und denkst: „Ich wusste es. Gleich erschrickt es wieder.“
Daraufhin hältst du den Strick noch fester. Vielleicht treibst du dein Pferd energischer vorwärts oder versuchst, seine Blickrichtung stärker zu kontrollieren.
Für dein Pferd wird die Situation dadurch möglicherweise noch schwieriger. Dein Körper vermittelt Anspannung, der Strick begrenzt es und gleichzeitig soll es weitergehen.
Vielleicht bleibt es nun stehen oder weicht zur Seite.
Seine Reaktion bestätigt wiederum deine Befürchtung. Du wirst noch unsicherer und dein Pferd erhält noch mehr Hinweise darauf, dass diese Situation offenbar besondere Aufmerksamkeit erfordert.
So kann aus einer kleinen Veränderung ein Kreislauf entstehen:
Du erinnerst dich an eine schwierige Erfahrung. Dein Körper spannt sich an. Dein Pferd nimmt diese Veränderung wahr und reagiert. Seine Reaktion verstärkt deine Unsicherheit und deine Unsicherheit beeinflusst wiederum das Pferd.
Dieser Kreislauf kann Stress beim Pferd verstärken, obwohl weder Mensch noch Pferd bewusst etwas falsch machen.
Beide versuchen lediglich, mit den Informationen umzugehen, die ihnen im jeweiligen Moment zur Verfügung stehen.
Nicht jedes Pferd reagiert gleich
Nicht jedes Pferd wird schneller oder sichtbar nervös, wenn es die Anspannung seines Menschen wahrnimmt.
Ein Pferd hebt vielleicht den Kopf und beobachtet die Umgebung genauer. Ein anderes wird langsamer oder bleibt stehen. Manche Pferde bewegen sich schneller, drängeln oder versuchen, mehr Abstand zu einem Auslöser zu bekommen.
Andere Pferde reagieren deutlich stiller. Sie werden fest im Körper, halten den Atem an oder reagieren weniger fein. Von außen wirken sie möglicherweise ruhig, obwohl sich ihre innere Spannung bereits erhöht hat.
Deshalb reicht es nicht, nur auf auffällige Reaktionen zu achten.
Beobachte auch:
- Verändert sich die Atmung?
- Wird der Blick starrer?
- Spannt sich der Unterhals an?
- Wird der Rücken fester?
- Werden die Bewegungen kürzer?
- Verändert sich das Ohrenspiel?
- Kann das Pferd weiterhin auf feine Signale reagieren?
- Kann es sich nach einer Anspannung wieder lösen?
Ein angespanntes Pferd muss nicht zwangsläufig laut oder hektisch werden. Und ein Pferd, das sichtbar reagiert, ist nicht automatisch schwierig oder ungehorsam.
Seine Reaktion zeigt zunächst nur, dass sich für das Pferd etwas verändert hat.
Du musst nicht immer vollkommen ruhig sein
Bei diesem Thema entsteht schnell ein neuer Druck: „Ich darf nicht nervös sein, sonst übertrage ich meine Unsicherheit auf mein Pferd.“
Doch genau dieser Gedanke kann die Anspannung noch vergrößern.
Niemand ist immer ruhig, gelassen und vollkommen präsent. Auch erfahrene Pferdemenschen erleben Unsicherheit, schlechte Tage oder Situationen, in denen alte Erfahrungen plötzlich wieder auftauchen.
Verbindung bedeutet nicht, dass du keine Gefühle haben darfst.
Es geht auch nicht darum, Nervosität zu verstecken oder deinem Pferd etwas vorzuspielen. Der Körper lässt sich ohnehin nicht dauerhaft täuschen. Eine aufgesetzte Ruhe, während innerlich alles angespannt ist, kann sogar widersprüchlich wirken.
Hilfreicher ist es, deinen Zustand wahrzunehmen.
Du darfst feststellen: „Ich bin gerade nervös.“

Allein diese Erkenntnis kann etwas verändern. Du musst nicht gleichzeitig versuchen, besonders souverän zu wirken, die Situation unbedingt zu bewältigen und deinem Pferd zu beweisen, dass alles ungefährlich ist.
Manchmal entsteht Klarheit gerade dadurch, dass du einen Moment innehältst.
Verbindung entsteht nicht dadurch, dass wir niemals angespannt sind. Sie entsteht auch dadurch, dass wir bemerken, wann wir angespannt sind und wie wir damit umgehen.
Was du in angespannten Momenten tun kannst
Wenn du merkst, dass deine innere Anspannung steigt, musst du die Situation nicht sofort lösen. Häufig hilft es bereits, einen kurzen Moment aus dem automatischen Reagieren auszusteigen.
Frage dich zunächst:
Wie atme ich gerade?
Sind meine Schultern locker oder ziehe ich sie nach oben?
Halte ich den Strick oder die Zügel fester als nötig? Wohin richtet sich mein Blick?
Was erwarte ich gerade von meinem Pferd?
Bin ich noch in der aktuellen Situation oder gedanklich bei einem früheren Erlebnis?
Es geht dabei nicht darum, dich selbst zu kontrollieren oder zu beurteilen. Es geht um Wahrnehmung.
Vielleicht kannst du bewusst ausatmen und deine Hände lockern. Vielleicht hilft es, den Abstand zu einem Auslöser etwas zu vergrößern. Möglicherweise braucht dein Pferd einen Moment, um zu schauen und die Situation einzuordnen.
Manchmal ist auch eine leichtere Aufgabe sinnvoll. Wenn eine Lektion nicht mehr gelingt, musst du sie nicht immer sofort wiederholen. Es kann hilfreicher sein, etwas Vertrautes zu machen und zunächst wieder zu einem gemeinsamen Rhythmus zurückzufinden.
Klarheit bedeutet nicht, mehr Druck aufzubauen.
Klarheit bedeutet, dass deine Signale verständlich bleiben, dein Pferd Zeit für eine Antwort bekommt und du erkennst, wann die Anforderungen gerade zu hoch werden.
Beobachtungsaufgabe: Was verändert sich zuerst?
Wähle eine Alltagssituation, in der dein Pferd manchmal angespannter reagiert. Das kann beim Führen, Putzen, Aufsteigen, Reiten oder im Gelände sein.
Versuche beim nächsten Mal nicht sofort, etwas zu verändern. Beobachte zunächst dich selbst.
Wann verändert sich deine Atmung?
Wann nimmst du den Strick oder die Zügel kürzer?
Wann werden deine Schultern oder Hände fester?
Wohin richtet sich dein Blick?
Welche Gedanken tauchen unmittelbar vor der Reaktion deines Pferdes auf?
Beobachte anschließend dein Pferd.
Hebt es den Kopf?
Verändert sich seine Atmung?
Werden seine Bewegungen schneller, langsamer oder kürzer?
Verändert sich sein Blick?
Kann es weiterhin auf feine Signale reagieren?
Was geschah zuerst: deine körperliche Veränderung oder die sichtbare Reaktion deines Pferdes?
Dabei geht es nicht darum, einen Schuldigen zu finden. Manchmal verändert sich zuerst das Pferd, manchmal der Mensch und häufig lassen sich die einzelnen Momente kaum voneinander trennen.
Doch je genauer du beobachtest, desto eher erkennst du den gemeinsamen Kreislauf.
Was hilfreich ist – und was zusätzlichen Druck erzeugt
Hilfreich kann es sein, die eigene Körperspannung bewusst wahrzunehmen, das Tempo aus einer Situation zu nehmen und den Schwierigkeitsgrad anzupassen.
Erlaube deinem Pferd, etwas anzuschauen. Achte auf klare Signale und gönne euch Pausen. Beobachte das gesamte Geschehen, statt nur die sichtbare Reaktion des Pferdes zu bewerten.
Weniger hilfreich ist es, dir für jede Reaktion deines Pferdes die Schuld zu geben.
Ebenso wenig hilft es, Anspannung zu überspielen, den Strick oder die Zügel immer fester zu halten oder das Pferd vorschnell als schwierig oder dominant einzuordnen.
Auch die Erwartung, du müsstest jederzeit vollkommen ruhig sein, schafft meist nur weiteren Druck.
Es geht nicht um Perfektion. Es geht um die Bereitschaft, genauer hinzusehen.
Nicht jeder Stress beim Pferd entsteht durch den Menschen
So wichtig die eigene Selbstwahrnehmung ist, so wichtig ist auch eine klare Abgrenzung.
Ein Pferd kann aus vielen Gründen angespannt sein. Dazu gehören beispielsweise Schmerzen, eine unpassende Ausrüstung, körperliche Überforderung, ungünstige Haltungsbedingungen, Konflikte in der Herde, fehlende Erholungsphasen, frühere Lernerfahrungen oder ungewohnte Umweltreize.
Deshalb wäre die Aussage „Du musst dich nur entspannen, dann ist dein Pferd ruhig“ viel zu einfach.
Deine innere Anspannung kann das gemeinsame Geschehen beeinflussen. Sie ist jedoch nur ein möglicher Teil einer Situation, die immer als Ganzes betrachtet werden sollte.
Zeigt ein Pferd plötzlich ein verändertes Verhalten, reagiert es wiederholt stark oder wirkt es auch in anderen Situationen angespannt, müssen körperliche Ursachen und seine Lebensbedingungen mitbedacht werden.
Die Frage lautet also nicht ausschließlich:
„Was mache ich falsch?“
Hilfreicher sind Fragen wie:
„Was hat sich verändert?“
„Welche Signale habe ich übersehen?“
„Was könnte mein Pferd gerade belasten?“
„Und welchen Anteil hat mein eigener Zustand an dieser Situation?“
Erst aus diesen verschiedenen Blickwinkeln entsteht ein vollständigeres Bild.
Zum Mitnehmen
Pferde können unsere Gedanken nicht lesen. Sie nehmen jedoch sehr fein wahr, was unsere Gedanken und Gefühle im Körper verändern.
Unsere Atmung, Muskelspannung, Haltung, Bewegungen, Stimme und Aufmerksamkeit liefern ihnen ständig Informationen. Werden diese Signale plötzlich fester, hektischer oder widersprüchlicher, kann auch beim Pferd mehr Anspannung entstehen.
Das bedeutet nicht, dass du für jeden Stress beim Pferd verantwortlich bist. Und es bedeutet nicht, dass du immer vollkommen ruhig sein musst.
Es bedeutet lediglich, dass auch du ein Teil der gemeinsamen Situation bist.
Je besser du nicht nur dein Pferd, sondern auch deine eigenen Reaktionen wahrnimmst, desto früher kannst du erkennen, was sich zwischen euch gerade entwickelt.
Denn Verbindung beginnt nicht damit, dass wir uns oder unser Pferd stärker kontrollieren.
Verbindung beginnt mit Wahrnehmung.