Wenn wir mit unseren Pferden arbeiten – sei es beim Reiten, Longieren, in der Handarbeit oder sogar schon beim Putzen – reagieren unsere Pferde immer wieder einmal anders, als wir es erwartet hätten.
Aber woran kann das liegen?
Wir haben es doch gemacht wie immer.
Oder?
Die Handgriffe gehen uns oft ganz automatisch von der Hand. Die Abläufe sind einstudiert. Wir putzen wie immer, führen wie immer, geben unsere Hilfen wie immer und erwarten natürlich auch, dass unser Pferd wie immer reagiert.
Aber stimmt das wirklich?
Denn während unsere äußeren Handlungen vielleicht tatsächlich gleich aussehen, kann in uns selbst an diesem Tag etwas ganz anders sein. Unsere innere Haltung. Unsere Anspannung oder Entspannung. Unsere Atmung. Unsere Konzentration. Vielleicht auch unsere Ungeduld, unsere Unsicherheit oder der Druck, dass heute bitte alles funktionieren soll.
Und genau das nehmen Pferde oft viel feiner wahr, als uns bewusst ist.
Heute schauen wir uns einmal an, was deine Anspannung beim Reiten bewirken kann, was sie deinem Pferd über dich verrät und warum an manchen Tagen eben doch nicht alles so ist wie immer.
Verbindung zu Gewichtshilfen
Wer mir schon länger folgt, hat vielleicht meinen Blog über Gewichtshilfen beim Reiten gelesen. Deshalb möchte ich hier nicht noch einmal ganz tief in dieses Thema einsteigen. Aber ein Punkt ist für diesen Blog wichtig, weil er wunderbar zeigt, wie stark sich unsere innere Anspannung beim Reiten auf das Pferd auswirken kann.
Gewichtshilfen entstehen nämlich nicht nur dadurch, dass wir unser Gewicht auf die richtige Seite verlagern. Ganz so einfach ist es leider nicht. Sonst könnten wir uns alle einmal kurz nach rechts setzen und hätten nie wieder Probleme beim Abwenden. Schön wäre es ja.

Gerade bei den Gewichtshilfen spielen Körperspannung, Atmung und innere Ruhe eine große Rolle. Wenn wir angespannt sind, verändert sich unser ganzer Körper. Wir verspannen uns im Rücken, ziehen vielleicht die Schultern hoch, halten den Atem an oder machen das Becken fest. Und genau dieses Becken sollte eigentlich geschmeidig mit der Bewegung des Pferdes mitgehen können.
Schon allein das Anhalten der Luft kann viel verändern. Wenn Du die Luft anhältst, spannt sich oft automatisch der Bauch an. Der Rücken wird fester, die Hüfte weniger beweglich, und plötzlich sitzt Du nicht mehr so weich in der Bewegung, wie Du vielleicht glaubst.
Für Dich fühlt sich das vielleicht nur nach einem kleinen Moment Unsicherheit an.
Für Dein Pferd kann es aber eine deutliche Veränderung sein.
Denn Dein Pferd kann Deine Gedanken nicht lesen. Es weiß nicht: „Ah, mein Mensch denkt gerade nur, dass der Galopp beim letzten Mal nicht so gut geklappt hat.“ Es spürt aber, dass die Lockerheit im Sitz verloren geht. Es spürt, dass Dein Becken nicht mehr frei mitschwingt. Es spürt, dass Dein Körper fester wird.
Und genau deshalb kann innere Anspannung eine große Wirkung auf das Pferd haben.
Ich möchte damit nicht sagen, dass Du jederzeit vollkommen locker, mutig und tiefenentspannt im Sattel sitzen musst. Das wäre ungefähr so realistisch wie ein frisch geputztes Schimmelpony fünf Minuten vor dem Fototermin.
Natürlich gibt es Situationen, in denen wir nervös werden. Wenn der Galopp beim letzten Mal nicht so gut geklappt hat, ist es ganz normal, dass der Körper beim nächsten Versuch vorsichtiger wird. Vielleicht hältst Du unbewusst die Luft an, vielleicht spannst Du Dich an, vielleicht denkst Du schon vorher: „Hoffentlich geht das jetzt gut.“
Das ist menschlich.
Wichtig ist nur, dass wir verstehen, was dabei beim Pferd ankommen kann. Nicht, um uns selbst Vorwürfe zu machen. Sondern damit wir erkennen: Manchmal reagiert das Pferd nicht auf die Übung selbst, sondern auf die Spannung, die wir in diese Übung mit hineinnehmen.
Und keine Sorge: Nicht jede kleine Anspannung beim Reiten führt sofort zu einer großen Reaktion. Dein Pferd fällt nicht auseinander, nur weil Du einmal kurz die Luft anhältst. Aber je bewusster Du wahrnimmst, wann Dein Körper fest wird, desto eher kannst Du wieder zurückfinden in Ruhe, Atmung und Beweglichkeit.
Genau deshalb ist es so wichtig, den Kopf frei zu machen, im Hier und Jetzt anzukommen und mit möglichst viel innerer Zuversicht in eine Übung zu gehen. Nicht nach dem Motto: „Das muss jetzt funktionieren.“ Sondern eher: „Ich bleibe bei mir, ich atme weiter, und wir finden gemeinsam heraus, wie es heute geht.“
Was Anspannung beim Reiten macht
Hast Du schon einmal gehört, dass Deine Reitlehrerin oder Dein Reitlehrer ruft: „Atmen nicht vergessen“?
Ich rufe das ständig.
Und meistens nicht, weil ich gerne über die Atmung anderer Menschen wache wie ein kleiner Stall-Sicherheitsdienst. Sondern weil ich immer wieder sehe, was passiert, wenn eine Übung schwierig wird oder ein Reitschüler unsicher ist. Der Atem bleibt stehen. Ganz unbewusst. Viele merken es erst, wenn ich sie wieder daran erinnere.
Und dann kommt oft dieser kurze Moment: „Oh. Stimmt. Ich atme ja gar nicht mehr.“
Aber was passiert eigentlich, wenn wir den Atem anhalten?
Unser Körper verliert an Geschmeidigkeit. Der Bauch spannt sich an, der Rücken wird fester, das Becken kann nicht mehr so frei mitgehen. Und genau dieses freie, mitschwingende Becken ist für das Pferd wichtig, damit es sich unter uns locker bewegen kann.
Du kannst das einmal ganz bewusst im Schritt ausprobieren. Natürlich nur in einer ruhigen Situation und auf einem Pferd, auf dem Du Dich sicher fühlst.
Reite im Schritt am lockeren, aber nicht ganz langen Zügel. So, dass Du jederzeit noch bremsen und lenken kannst, falls Dein Pferd Deine kleine Forschungsarbeit etwas zu spannend findet. Gehe zunächst ganz normal mit der Bewegung Deines Pferdes mit. Spüre, wie Dein Becken mitschwingt, wie Dein Körper die Bewegung aufnimmt und wie Dein Pferd unter Dir schreitet.
Dann hältst Du einmal bewusst den Atem an.
Nicht lange. Nur kurz.
Und dann beobachtest Du.
Kannst Du immer noch genauso geschmeidig mitgehen wie vorher? Oder merkst Du, dass Dein Bauch fester wird? Dass Dein Rücken weniger nachgibt? Dass Deine Hüfte nicht mehr ganz so locker mitschwingt?
Und dann achte auf Dein Pferd.
Wird der Schritt vielleicht etwas kürzer? Nicht mehr ganz so raumgreifend? Wird Dein Pferd unruhiger, zögerlicher oder fester? Vielleicht verändert sich auch nur ganz wenig. Aber genau dieses kleine Wenig ist spannend.
Denn wenn schon ein bewusst angehaltener Atem im Schritt eine Veränderung bewirken kann, dann kannst Du Dir vorstellen, wie stark Anspannung beim Reiten in schwierigeren Situationen wirken kann. Beim Angaloppieren. Bei einer neuen Lektion. Beim ersten Ausritt nach längerer Pause. Oder in genau dem Moment, in dem Du innerlich denkst: „Bitte nicht schon wieder.“
Natürlich brauchen wir beim Reiten Körperspannung. Ohne eine gewisse Grundspannung würden wir auf dem Pferd sitzen wie ein Kartoffelsack. Und ja, diesen Vergleich verwende ich im Unterricht tatsächlich gern. Ein Kartoffelsack hat zwar selten Prüfungsambitionen, aber als Vorbild für einen guten Sitz eignet er sich trotzdem nur bedingt.
Es geht also nicht darum, völlig weich und ohne Haltung auf dem Pferd zu sitzen. Wir brauchen einen aufrechten, stabilen Sitz. Einen klaren Oberkörper. Ein locker anliegendes Bein. Bewegliche Hüften. Arme und Hände, die ruhig sind, aber nicht steif. Einen Kopf, der gerade getragen wird. Und einen Blick, der dahin geht, wohin wir reiten möchten.
Der Unterschied liegt in der Qualität der Spannung.
Eine gute Körperspannung trägt Dich.
Zu viel Anspannung blockiert Dich.
Eine gute Körperspannung macht Dich klar.
Zu viel Anspannung macht Dich fest.
Eine gute Körperspannung hilft Deinem Pferd, Dich zu verstehen.
Zu viel Anspannung beim Reiten kann dafür sorgen, dass Dein Pferd plötzlich etwas ganz anderes spürt, als Du eigentlich sagen wolltest.
Bei einer Biegung nimmst Du deshalb nicht nur eine Hand oder einen Zügel mit. Du nimmst Deinen ganzen Oberkörper in die Richtung mit, bleibst dabei aber beweglich und atmest weiter. Dein Blick geht dorthin, wo Du hinreiten möchtest, ungefähr ein Stück vor Dein Pferd, nicht starr auf den Boden und auch nicht verzweifelt auf die Bande, die Du bitte nicht treffen möchtest.
Denn wir wissen ja: Pferde folgen manchmal erstaunlich ehrlich genau dem, was unser Körper verrät.
Denn Anspannung beim Reiten ist nicht einfach nur ein Gefühl in Dir. Sie verändert Deinen Körper. Dein Körper verändert Deinen Sitz. Dein Sitz verändert das, was Dein Pferd spürt.
Wenn wir das verstehen, können wir viel liebevoller mit uns selbst und viel fairer mit unserem Pferd umgehen.
Wenn aus innerer Unsicherheit eine unklare Hilfe wird
Pferde nehmen unsere Anspannung beim Reiten nicht wahr, weil sie hellsehen können. Auch wenn es sich manchmal so anfühlt. Gerade dann, wenn man nur denkt: „Heute bitte kein Theater“, und das Pferd schaut schon so, als hätte es die komplette Überschrift im Kopf mitgelesen.
In Wirklichkeit ist es viel einfacher — und gleichzeitig viel spannender.
Pferde lesen unseren Körper. Sie spüren, ob wir weich bleiben oder fest werden. Sie merken, ob unser Atem ruhig weiterfließt oder plötzlich stehen bleibt. Sie nehmen wahr, ob unser Becken mit der Bewegung mitgeht oder ob wir uns innerlich schon auf den Notfall vorbereiten, obwohl noch gar nichts passiert ist.
Und genau daDurch kann aus innerer Unsicherheit eine unklare Hilfe werden.
Ein sehr typisches Beispiel ist die Angst vor dem Angaloppieren. Vielleicht ist beim letzten Mal etwas schiefgelaufen. Das Pferd ist losgestürmt, hat gebuckelt, ist auf die Vorhand gefallen oder der Galopp fühlte sich einfach nicht gut an. Beim nächsten Mal sitzt Du im Trab und denkst: „Ganz ruhig. Gleich galoppieren wir an. Bitte diesmal nicht wieder so.“
Und während Du versuchst, ruhig zu bleiben, passiert im Körper oft das Gegenteil.
Der Atem wird kürzer. Die Schultern halten fest. Das Becken wird unbeweglicher. Die Hand möchte zur Sicherheit ein kleines bisschen mehr Kontakt. Das Bein gibt die Galopphilfe, aber der restliche Körper sagt: „Vorsicht.“
Für das Pferd ist das schwer zu sortieren. Es bekommt nicht nur die Information „Galopp“. Es bekommt gleichzeitig die Information „Festhalten“. Dann springt es vielleicht gar nicht an, wird eilig, hebt den Kopf oder fühlt sich plötzlich spannig an. Und schon denkt der Mensch: „Siehst Du, ich wusste doch, dass es wieder schwierig wird.“
Dabei hat das Pferd vielleicht nur auf genau diese Mischung reagiert: ein bisschen Galopp, ein bisschen Bremse, ein bisschen innere Alarmanlage.
Auch die unsichere Ecke kennen viele Reiter. Da steht vielleicht ein Stuhl, ein Schatten, eine Jacke auf der Bande oder ein besonders gefährlicher Sonnenfleck. Aus Pferdesicht kann so ein Sonnenfleck ja Durchaus verdächtig sein. Er liegt da. Er bewegt sich nicht. Sehr verdächtig.

Der Mensch sieht die Ecke schon von Weitem und denkt: „Bitte geh einfach vorbei.“ Aber der Blick bleibt an der Ecke hängen. Der Körper richtet sich unbewusst dorthin aus. Die Hand wird etwas fester. Vielleicht hält man die Luft an oder schiebt das Pferd mit dem Bein gleichzeitig vorwärts und seitwärts weg.
Das Pferd spürt dann nicht: „Mein Mensch ist ganz entspannt und führt mich klar vorbei.“ Es spürt eher: „Da vorne verändert sich etwas in meinem Menschen. Da ist Spannung. Da ist ein Festhalten. Vielleicht ist da wirklich etwas.“
Und schon wird aus einer kleinen Unsicherheit eine gemeinsame Spannung.
Nicht, weil das Pferd „spinnt“. Nicht, weil der Mensch versagt. Sondern weil beide aufeinander reagieren.
Ähnlich ist es, wenn andere Pferde in der Bahn sind. Ein anderes Pferd kommt entgegen, eines überholt, eines galoppiert außen herum, und plötzlich wird der eigene Körper wacher. Man möchte aufmerksam sein, nicht stören, niemandem in den Weg reiten und gleichzeitig natürlich alles schön unter Kontrolle behalten. Also wird der Sitz fester, die Hand ein bisschen sichernder, der Blick wandert mehr zu den anderen Pferden als zur eigenen Linie.
Das Pferd merkt diese Veränderung sofort. Es spürt, dass der Mensch nicht mehr ganz bei ihm ist. Der Körper sagt nicht mehr klar: „Wir reiten unsere Linie.“ Er sagt eher: „Achtung, da passiert etwas um uns herum.“
Manche Pferde werden dann ebenfalls wacher. Andere werden unsicher, eilig oder kleben plötzlich mehr an der Bande. Wieder andere halten sich fest und warten ab, was der Mensch als Nächstes entscheidet. Und ganz ehrlich: Manchmal entscheidet der Mensch in solchen Momenten auch nicht besonders viel. Er sitzt oben und hofft, dass sich die Verkehrslage von selbst löst.
Beim Durchparieren zeigt sich Anspannung ebenfalls sehr deutlich. Eigentlich soll das Pferd ausbalanciert langsamer werden, den Rücken weiter tragen und in eine ruhigere Gangart finden. Doch wenn der Mensch innerlich denkt: „Jetzt bloß nicht zu schnell werden“ oder „Hoffentlich hält er wirklich an“, passiert oft etwas anderes. Die Hand wird fester, der Sitz drückt, der Atem stoppt, und statt einer klaren, ruhigen Parade entsteht ein kleines Stoppschild mit Ausrufezeichen.
Das Pferd kann darauf sehr unterschiedlich reagieren. Manche Pferde fallen auf die Vorhand. Manche werden gegen die Hand stark. Manche bleiben zwar stehen, aber nicht wirklich weich. Und manche werden nach vorne noch eifriger, weil sie die feste Hand und den festen Körper nicht als EinlaDung zum Ausbalancieren verstehen, sondern als Druck.
Auch hier gilt: Das Pferd reagiert nicht nur auf die Parade. Es reagiert auf die Qualität der Parade.
Und dann gibt es noch den Erwartungsdruck vor einer Lektion. Das ist einer meiner heimlichen Klassiker im Unterricht. Die Lektion wurde angekündigt, der Mensch sortiert sich, das Pferd läuft noch ganz zufrieden, und plötzlich steht im Gesicht des Reiters: „Jetzt kommt etwas Wichtiges.“
Das Pferd muss gar nicht wissen, ob gleich Schulterherein, Galopp, Übergang oder Seitwärts kommt. Es spürt nur: Der Mensch verändert sich. Der Atem wird kontrollierter. Der Sitz wird fester. Die Hand bereitet sich vor. Der Kopf denkt drei Schritte voraus. Und manchmal geht genau daDurch die Leichtigkeit verloren, die man für die Lektion eigentlich bräuchte.
Viele Pferde reagieren dann nicht schlechter, weil sie die Lektion nicht können. Sie reagieren auf die Spannung, die vor der Lektion entsteht.
Das ist ein großer Unterschied.
Denn wenn ich glaube: „Mein Pferd kann das nicht“ oder „Mein Pferd macht nicht mit“, werde ich meistens deutlicher. Wenn ich aber erkenne: „Vielleicht habe ich die Lektion schon innerlich schwer gemacht, bevor sie überhaupt begonnen hat“, kann ich anders reagieren. Ich kann atmen. Ich kann kleiner werden. Ich kann erst wieder meinen Sitz sortieren. Ich kann meinem Pferd eine klare, ruhige Frage stellen, statt ihm ein ganzes Paket aus Wunsch, Sorge und Druck auf den Rücken zu legen.
Unsere Pferde reagieren nicht nur auf das, was wir tun. Sie reagieren auch auf das, was in unserem Körper passiert, während wir es tun.
Das bedeutet nicht, dass Du nie wieder unsicher sein darfst. Es bedeutet auch nicht, dass Du immer tiefenentspannt Durchs Leben und Durch die Reithalle schweben musst. Falls Dir das gelingt, sag mir bitte Bescheid. Ich kenne einige Reiter, die gern wissen würden, wie das geht.
Es bedeutet nur: Je bewusster Du Deine eigene Anspannung beim Reiten wahrnimmst, desto klarer kannst Du Deinem Pferd helfen.
Manchmal beginnt eine bessere Hilfe nicht mit mehr Schenkel, mehr Hand oder mehr Durchsetzung. Manchmal beginnt sie mit einem Atemzug.
Mit einem weichen Blick.
Mit einem kurzen inneren Sortieren.
Und mit der Frage: „Bin ich gerade wirklich bei meinem Pferd — oder schon bei dem Problem, das ich erwarte?“
Wissensblock: Was die Forschung über Pferde und menschliche Emotionen zeigt
Dass Pferde unsere Anspannung beim Reiten wahrnehmen, ist nicht nur ein Gefühl, das viele Reiter aus dem Alltag kennen. Es gibt inzwischen mehrere wissenschaftliche Untersuchungen, die zeigen, wie fein Pferde auf menschliche emotionale Signale reagieren können.
Eine Studie aus dem Jahr 2016 zeigte, dass Pferde zwischen freundlichen und ärgerlichen menschlichen Gesichtsausdrücken unterscheiden können. Die Pferde reagierten auf ärgerliche Gesichter unter anderem mit einer erhöhten Herzfrequenz und schauten diese Gesichter bevorzugt mit dem linken Auge an. Das ist interessant, weil Reize, die mit möglicher Bedrohung oder negativer Emotion verbunden sind, bei vielen Tieren stärker über die rechte Gehirnhälfte verarbeitet werden.
Auch Stimmen spielen eine Rolle. In einer Studie aus dem Jahr 2018 konnten Pferde positive und negative menschliche Lautäußerungen unterscheiden. Sie reagierten also nicht nur darauf, dass ein Mensch ein Geräusch macht, sondern auch auf die emotionale Qualität dieser Stimme. Für den Umgang mit Pferden ist das ein wichtiger Hinweis: Unsere Stimme ist nicht nur ein Kommando. Sie trägt Stimmung mit.
Eine weitere Untersuchung zeigte, dass Pferde menschliche Emotionen sogar über verschiedene Sinneskanäle hinweg einordnen können. Sie können also Gesichtsausdruck und Stimme miteinander verknüpfen. Wenn Bild und Ton emotional nicht zusammenpassten, reagierten die Pferde anders, als wenn beides stimmig war. Das zeigt, dass Pferde menschliche Emotionen nicht nur einzeln wahrnehmen, sondern verschiedene Informationen miteinander abgleichen können.
Besonders spannend ist auch die Forschung zum Geruch. Eine Studie untersuchte, ob Pferde menschliche Körpergerüche aus Angst- und Freudensituationen unterscheiden können. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Pferde menschliche emotionale Gerüche wahrnehmen und darauf unterschiedlich reagieren können.
Noch aktueller ist eine Studie aus dem Jahr 2026. Dort wurden Pferde menschlichen Gerüchen aus Angstsituationen ausgesetzt. Die Pferde zeigten dabei unter anderem mehr Schreckreaktionen, einen höheren maximalen Herzschlag bei einem plötzlichen Reiz und weniger Kontaktaufnahme zum Menschen. Das bedeutet nicht, dass ein Pferd jeden ängstlichen Gedanken sofort „riecht“. Aber es zeigt, dass menschliche Angst nicht nur innerlich bleibt, sondern körperliche Signale erzeugen kann, die für Pferde wahrnehmbar sind.
Ein aktueller Überblick zur emotionalen Ansteckung zwischen Mensch und Pferd beschreibt außerdem, dass Studien in diesem Bereich häufig Verhaltensbeobachtung mit körperlichen Messwerten wie Herzfrequenz oder Herzratenvariabilität verbinden. Gerade diese Kombination ist wichtig, weil sie zeigt: Es geht nicht nur darum, ob ein Pferd „irgendwie anders wirkt“. Man kann Veränderungen im Verhalten und im Körper des Pferdes tatsächlich messen.
Für unseren Alltag im Stall heißt das: Pferde nehmen menschliche Emotionen über mehrere Wege wahr. Über Gesichtsausdruck. Über Stimme. Über Körperhaltung. Über Bewegung. Möglicherweise auch über Geruch. Und natürlich über das, was sie direkt unter dem Reiter spüren: Spannung, Atmung, Gleichgewicht und Beweglichkeit.
Das macht Pferde nicht zu Gedankenlesern.
Aber es macht sie zu sehr feinen Beobachtern.
Und manchmal sind sie dabei ehrlicher, als uns lieb ist.
Fazit: Dein Pferd spürt mehr als Deine Hilfen
Anspannung beim Reiten ist nichts, wofür wir uns schämen müssen. Sie gehört zum Menschsein dazu. Jeder von uns kennt Momente, in denen der Körper schneller reagiert als der Kopf. Eine schwierige Lektion, eine unsichere Ecke, ein anderer Reiter in der Bahn oder ein Galopp, der beim letzten Mal nicht ganz so harmonisch war — und schon ist da dieser kleine innere Moment von: „Oh bitte, heute nicht wieder.“
Das Problem ist nicht, dass wir angespannt sind.
Das Problem entsteht eher dann, wenn wir nicht merken, dass wir angespannt sind.
Denn dann wundern wir uns, warum unser Pferd plötzlich anders reagiert, obwohl wir doch „alles wie immer“ gemacht haben. Vielleicht war aber nicht alles wie immer. Vielleicht war unsere Hand etwas fester. Unser Atem flacher. Unser Sitz weniger beweglich. Unser Blick schon beim Problem, bevor unser Pferd überhaupt dort angekommen ist.
Die Forschung bestätigt im Grunde etwas, das viele erfahrene Pferdemenschen schon lange beobachten: Pferde nehmen sehr viel mehr wahr als die offensichtliche Hilfe. Sie achten auf Gesicht, Stimme, Körper, Spannung, Bewegung und Stimmung. Und sie reagieren nicht auf das, was wir gern senden würden, sondern auf das, was tatsächlich bei ihnen ankommt.
Genau deshalb beginnt feine Kommunikation nicht bei perfekter Technik. Sie beginnt bei Körperbewusstsein.
Je besser Du wahrnimmst, was in Dir passiert, desto klarer kannst Du Deinem Pferd begegnen. Nicht strenger. Nicht lauter. Nicht kontrollierender. Sondern verständlicher.
Du musst nicht immer völlig entspannt sein, um fair mit Deinem Pferd umzugehen. Das wäre auch ein ziemlich hoher Anspruch. Vor allem an Tagen, an denen schon das Öffnen der Leckerli-Tüte für mehr innere Ordnung sorgt als der eigene Terminkalender.
Aber Du darfst lernen, Deine Anspannung beim Reiten früher zu bemerken. Du darfst atmen. Dich sortieren. Einen Moment neu beginnen. Du darfst merken: „Gerade bin ich gar nicht wirklich bei meinem Pferd. Ich bin schon bei dem, was vielleicht passieren könnte.“
Und genau dort beginnt Veränderung.
Manchmal ist die feinste Hilfe nicht mehr Schenkel, nicht mehr Hand und nicht mehr Druck.
Manchmal ist die feinste Hilfe ein Atemzug.
Ein weicher Blick.
Ein gelöster Kiefer.
Und der Moment, in dem Dein Pferd spürt: „Mein Mensch ist wieder bei mir.“
Und natürlich endet dieses Thema nicht im Sattel. Pferde spüren unsere Anspannung auch beim Putzen, Führen, Longieren oder in der Bodenarbeit. Überall dort, wo wir mit ihnen in Kontakt sind, lesen sie unseren Körper, unsere Atmung, unsere Bewegungen und unsere innere Klarheit.
Genau deshalb schauen wir uns im nächsten Blog an, wie Anspannung auch am Boden sichtbar wird — oft schon lange bevor wir überhaupt ans Reiten denken.
Verbindung beginnt in dir.
Quellen
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Smith, A. V., Proops, L., Grounds, K., Wathan, J., Scott, S. K. & McComb, K. (2018). Domestic horses (Equus caballus) discriminate between negative and positive human nonverbal vocalisations. Scientific Reports, 8, 13052.
Nakamura, K., Takimoto-Inose, A. & Hasegawa, T. (2018). Cross-modal perception of human emotion in domestic horses (Equus caballus). Scientific Reports, 8, 8660.
Sabiniewicz, A., Tarnowska, K., Świątek, R., Sorokowska, A., Laska, M. & Wójcik, M. (2023). Horses discriminate human body odors between fear and joy contexts in a habituation-discrimination protocol. Scientific Reports, 13, 3285.
Callara, M., Padalino, B., Maggiolino, A., De Palo, P., Dalla Costa, E. & Minero, M. (2025). Measuring emotional contagion in horse–human interactions: A systematic scoping review of methods and outcomes. Journal of Veterinary Behavior, 78, 105–114.
Jardat, P., Lansade, L., Parias, C., Calandreau, L., Colson, V. et al. (2026). Human emotional odours influence horses’ behaviour and physiology. PLOS ONE.