„Pferde dürfen nicht länger als vier Stunden ohne Raufutter sein.“
Diesen Satz kennen wahrscheinlich die meisten Pferdehalter. Und grundsätzlich steckt dahinter ein wichtiger Gedanke: Pferde sind darauf ausgelegt, über viele Stunden des Tages immer wieder kleine Mengen faserreicher Nahrung aufzunehmen. Lange Zeiten, in denen wirklich gar nichts gefressen werden kann, passen weder zu ihrem natürlichen Verhalten noch zu ihrem Verdauungssystem.
Aber bedeutet das automatisch, dass die Heuraufe niemals länger als vier Stunden leer sein darf? Und wann beginnt eigentlich wirklich eine Fresspause beim Pferd?
Genau da lohnt es sich, etwas genauer hinzuschauen.
Denn kein Heu bedeutet nicht zwangsläufig nichts zu fressen.
Und gerade in einem Jahr, in dem Heu vielerorts knapp und teuer ist, finde ich diese Unterscheidung wichtig. Nicht, weil wir unseren Pferden weniger Raufutter geben sollten, als sie benötigen. Und schon gar nicht, weil ich eine lange Fresspause beim Pferd schönreden möchte.
Sondern weil eine leere Heuraufe und eine tatsächliche Fresspause beim Pferd zwei unterschiedliche Dinge sein können.
Pferde sind Dauersucher – nicht Dauerfresser
Wenn wir Pferde unter möglichst natürlichen Bedingungen beobachten, stehen sie nicht rund um die Uhr an einer Futterstelle und fressen ohne Unterbrechung.
Sie suchen.
Sie gehen ein Stück, nehmen einige Bissen, gehen weiter, wählen aus, fressen wieder, ruhen zwischendurch und beginnen später erneut mit der Futtersuche.
Genau deshalb finde ich die Bezeichnung Dauersucher eigentlich treffender als Dauerfresser.
Pferde verbringen einen großen Teil ihres Tages mit Futtersuche und Futteraufnahme. Wie viel genau, hängt unter anderem vom Futterangebot, der Jahreszeit, dem Lebensraum und der Haltung ab. Interessant ist dabei: Wird das Futter knapper oder schwieriger erreichbar, können Pferde mehr Zeit mit der Futtersuche verbringen.
Das Pferd ist also nicht darauf programmiert, möglichst schnell eine große Mahlzeit aufzunehmen und anschließend viele Stunden nichts mehr zu fressen. Sein natürlicher Tagesablauf besteht vielmehr aus vielen Phasen von Suchen, Fressen, Bewegung und Ruhe. Eine längere Fresspause beim Pferd ist unter diesen Bedingungen eher die Ausnahme als die Regel.
WISSENSBLOCK – Wie lange beschäftigen sich Pferde mit Futter?
Untersuchungen zum natürlichen Zeitbudget zeigen, dass Pferde viele Stunden des Tages mit Fressen und Futtersuche verbringen. Eine Metaanalyse von 2025 mit Daten von 364 Pferden fand bei frei lebenden Pferden einen deutlich höheren Anteil des Tagesbudgets für Fressen als bei aufgestallten Pferden.
Andere Untersuchungen beschreiben unter naturnahen Bedingungen etwa 12 bis 16 Stunden Futteraufnahme beziehungsweise Futtersuche innerhalb von 24 Stunden. Entscheidend dabei: Diese Zeit besteht nicht aus einer einzigen endlosen Mahlzeit. Fressen, Suchen, Bewegung und Pausen wechseln sich ab.
Längere freiwillige Phasen ganz ohne Futteraufnahme sind unter natürlichen Bedingungen dagegen vergleichsweise selten.
Interessant wird es, wenn das Futterangebot schlechter wird. Dann sagen Pferde nämlich nicht unbedingt: „Na gut, dann gibt es heute eben weniger.“
Sie investieren mehr Zeit in die Futtersuche.
Das finde ich gerade für unser Thema wichtig. Denn es zeigt, wie stark Suchen und Fressen zusammengehören. Ein Pferd vor einer gefüllten Heuraufe muss kaum suchen. Ein Pferd auf einer schon ziemlich kurz gefressenen Koppel dagegen sehr wohl.
Und genau hier kommen wir zu einem Punkt, der in der aktuellen Diskussion um knapper werdendes Heu wichtig ist.
Denn das verändert unseren Blick auf eine leere Heuraufe – und auf die Frage, wann eine Fresspause beim Pferd tatsächlich beginnt
Wenn die Heuraufe leer ist, beginnt nicht automatisch die Fresspause beim Pferd
Stellen wir uns einen Offenstall vor. Morgens wird die Heuraufe gefüllt, die Pferde fressen und irgendwann ist sie leer. Das nächste Heu gibt es beispielsweise erst einige Stunden später.
Beginnt mit dem letzten Halm in der Raufe automatisch die Fresspause?
Das hängt davon ab, was die Pferde anschließend tun können.
Können sie auf eine Koppel gehen, auf der sie noch Gras finden? Wandern sie dort herum, zupfen hier ein Büschel und dort ein paar Halme? Haben sie vielleicht geeignetes Stroh zur Verfügung? Gibt es Äste, Zweige oder andere geeignete Pflanzen, an denen sie knabbern können?
Dann ist kein Heu nicht automatisch gleichbedeutend mit nichts zu fressen.

Natürlich kann eine schon weitgehend abgegraste Koppel möglicherweise nicht mehr genügend Futter liefern, um den täglichen Raufutterbedarf eines Pferdes zu decken. Aber das ist eine andere Frage.
Mir geht es hier nicht darum zu behaupten, eine kurz gefressene Koppel würde mehrere Kilogramm Heu ersetzen. Wenn das Pferd dort aber eine Stunde herumwandert, immer wieder Gras findet, zupft, kaut, sucht und weiterzieht, dann hat es in dieser Stunde eben nicht überhaupt nichts gefressen.
Und genau dieser Unterschied ist entscheidend.
Die Koppel muss in diesem Moment nicht die komplette Heuration ersetzen. Sie kann aber dazu beitragen, die Zeit zwischen zwei Heufütterungen mit Futtersuche und tatsächlicher Futteraufnahme zu überbrücken.
Und nachts?
Gerade nachts wird es spannend, denn manchmal entsteht der Eindruck, Pferde würden nachts ohnehin überwiegend schlafen und deshalb kaum Futter benötigen.
Pferde schlafen aber nicht acht Stunden am Stück wie wir Menschen. Ruhe, Dösen, Liegen, Bewegung und Futteraufnahme wechseln sich auch nachts ab. Untersuchungen zum natürlichen Fressverhalten zeigen, dass Pferde auch während der Dunkelphase regelmäßig fressen. Je nach Untersuchung und Haltungsbedingungen kann ein erheblicher Teil der Nacht mit Futteraufnahme verbracht werden.
Das bedeutet für mich allerdings wiederum nicht automatisch, dass die Heuraufe während jeder Minute der Nacht gefüllt sein muss. Es bedeutet vielmehr, dass Pferde auch nachts Möglichkeiten zur Futtersuche und Futteraufnahme brauchen.
WISSENSBLOCK – Pferde fressen auch nachts
Verhaltensstudien zeigen, dass Pferde ihre Futteraufnahme über Tag und Nacht verteilen. Zwar wird häufig tagsüber mehr gefressen, aber auch während der Dunkelphase finden mehrere Fressperioden statt.
Deshalb ist nicht entscheidend, ob nachts permanent Heu in der Raufe liegt, sondern ob über die Nacht weiterhin ausreichend Möglichkeiten zur Aufnahme geeigneter faserreicher Nahrung bestehen und keine langen tatsächlichen Fresspausen entstehen.
Und wieder entscheidet die Haltung darüber, was eine leere Heuraufe tatsächlich bedeutet.
Stehen meine Pferde beispielsweise im Offenstall und können auch nachts auf eine Koppel gehen, dort Gras suchen, an geeigneten Zweigen knabbern oder andere geeignete faserreiche Futterquellen nutzen, dann bedeutet eine über mehrere Stunden leere Heuraufe nicht automatisch, dass sie in dieser Zeit überhaupt nichts gefressen haben.
Eine Nacht ohne durchgängigen Heuzugang ist deshalb nicht zwangsläufig eine Nacht ohne Futteraufnahme.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Wenn auf der Koppel allerdings tatsächlich nichts mehr zu finden ist, kein Stroh, keine Äste und keine anderen geeigneten Futterquellen zur Verfügung stehen, dann sieht die Sache natürlich anders aus. Irgendwann wird aus der Heupause dann tatsächlich eine Fresspause.
In einer Box kann dieselbe Situation etwas völlig anderes bedeuten
Deshalb möchte ich an dieser Stelle ganz klar unterscheiden.
Was ich hier beschreibe, bezieht sich in erster Linie auf Haltungssysteme, in denen Pferde Bewegungsfreiheit und Zugang zu unterschiedlichen Möglichkeiten der Futtersuche haben.
Nehmen wir dagegen ein Pferd, das nachts in einer Box steht. Die Box ist mit Sägespänen oder einer anderen nicht fressbaren Einstreu eingestreut. Um 22 Uhr ist das Heu aufgefressen und das nächste gibt es morgens um sechs.
Keine Weide, kein Stroh, keine Äste und keine andere geeignete Faserquelle.
Dann reden wir nicht über acht Stunden Heupause.
Dann reden wir tatsächlich über acht Stunden Fresspause.
Und das ist physiologisch und hinsichtlich des natürlichen Verhaltens eine ganz andere Situation.
WISSENSBLOCK – Warum eine echte Fresspause beim Pferd problematisch werden können
Der Pferdemagen produziert kontinuierlich Magensäure. Gleichzeitig entsteht Speichel vor allem während des Kauens. Dieser trägt unter anderem durch enthaltenes Bicarbonat zur Pufferung des Mageninhalts bei.
Experimentelle Untersuchungen zeigen, dass während des Futterentzugs der pH-Wert im oberen Bereich des Magens sinken kann und damit die Säurebelastung zunimmt. Längere Intervalle zwischen Raufuttergaben werden außerdem mit einem erhöhten Risiko für Veränderungen der nicht-drüsigen Magenschleimhaut in Verbindung gebracht.
Die aktuelle wissenschaftliche Literatur unterstützt deshalb vor allem eines: Lange tatsächliche Unterbrechungen der Futteraufnahme sollten vermieden werden.
Auch deshalb würde ich mich nicht an der oft genannten Vier-Stunden-Grenze festbeißen. Das Pferd bekommt nicht nach vier Stunden und einer Minute automatisch ein Magengeschwür.
Die vier Stunden sind eine sinnvolle Orientierung. Die wissenschaftliche Datenlage ist aber differenzierter und zeigt vor allem: Lange echte Fresspausen passen weder zum Verdauungssystem noch zum natürlichen Verhalten des Pferdes.
Und genau deshalb ist es so wichtig, eine echte Fresspause von einer reinen Heupause zu unterscheiden.
Es gibt mehr als Gras und Heu
Vielleicht dürfen wir an dieser Stelle auch etwas kreativer werden. Unsere Pferde haben schließlich nie gelernt, dass nur das, was aus einem Heunetz kommt, als Futter zählt.
Neben Gras und hygienisch einwandfreiem, geeignetem Futterstroh können beispielsweise auch geeignete Äste und Zweige Abwechslung bieten. Weide, Hasel, Birke oder unbehandelte Zweige geeigneter Obstbäume können – sofern sie sicher bestimmt und für Pferde geeignet sind – interessante Knabbermöglichkeiten sein. Auch geeignetes Laub, getrocknete oder angewelkte Brennnesseln, ungiftige Kräuter und natürliche Pflanzenbestände können das Angebot erweitern.
Besonders spannend finde ich strukturreiche Bereiche, in denen Pferde tatsächlich wieder etwas suchen müssen. Nicht alles liegt in einer Raufe bereit. Vielleicht befindet sich an einer Stelle etwas Gras, an einer anderen ein geeigneter Zweig und ein Stück weiter eine kleine Menge Stroh.
Plötzlich passiert viel mehr als nur Futteraufnahme.
Das Pferd bewegt sich. Es untersucht. Es wählt aus. Es knabbert. Es läuft weiter. Es sucht erneut.
Genau da sind wir wieder beim Dauersucher.
Natürlich gilt dabei immer: Nicht alles, was grün ist, ist für Pferde geeignet. Bei Ästen, Sträuchern und Laub muss eindeutig bekannt sein, um welche Pflanzen es sich handelt. Giftige Gehölze wie Eibe haben selbstverständlich nichts im Pferdebereich verloren. Ebenso wenig gespritztes, behandeltes, verschimmeltes oder unbekanntes Schnittgut.
Und auch das möchte ich noch einmal ausdrücklich sagen: Ein paar Äste ersetzen keine ausreichende Raufutterration.
Sie können aber Teil eines Haltungskonzeptes sein, das Futtersuche und Futteraufnahme vielfältiger macht.
Aber warum stürzen sie sich dann auf das Heu?
Das ist eine Frage, die sich natürlich aufdrängt.
Wenn die Pferde auf der Koppel doch angeblich noch etwas zu fressen finden, warum stehen sie dann innerhalb kürzester Zeit an der Raufe, sobald frisches Heu eingefüllt wird?

Weil Heu für ein Pferd eine ausgesprochen attraktive und vor allem effiziente Futterquelle ist.
Auf einer kurz gefressenen Koppel muss das Pferd suchen. Es geht einige Schritte, findet ein paar Halme, nimmt sie auf, geht weiter und sucht erneut.
An einer frisch gefüllten Heuraufe liegt dagegen eine große Menge gut erreichbaren Futters direkt vor seiner Nase.
Natürlich geht das Pferd hin.
Das beweist aber nicht rückwirkend, dass es vorher vier Stunden nichts gefressen hat.

Ich freue mich schließlich auch auf ein gutes Abendessen und setze mich ziemlich schnell an den Tisch. Daraus kann trotzdem niemand schließen, dass ich seit dem Frühstück nichts mehr gegessen habe.
Hinzu kommt, dass Pferde ihr Fressverhalten an das Futterangebot anpassen können. Nach Einschränkungen können sie beispielsweise schneller fressen. Auch deshalb sollten wir aus dem Verhalten an der frisch gefüllten Raufe nicht automatisch ableiten, wie viel oder wenig ein Pferd vorher tatsächlich aufgenommen hat.
Und dann ist da noch eine interessante Beobachtung
Ein Tierarzt erzählte mir einmal, dass er in Jahren mit knapperem Futterangebot teilweise sogar weniger Koliken gesehen habe.
Ich fand diese Beobachtung sehr interessant und habe versucht, dazu wissenschaftliche Daten zu finden.
Einen belastbaren Nachweis dafür, dass futterarme Jahre grundsätzlich zu weniger Koliken führen, habe ich nicht gefunden. Deshalb möchte ich daraus auch keine Tatsache machen.
Was wir allerdings wissen: Wenn Futter knapper oder schwieriger erreichbar ist, können Pferde mehr Zeit in die Futtersuche investieren. Sie bewegen sich mehr zwischen einzelnen Futterstellen und nehmen viele kleine Portionen auf.
Ob das mit der Beobachtung dieses Tierarztes zusammenhängt, können wir daraus nicht ableiten. Koliken haben viele mögliche Ursachen und Risikofaktoren – unter anderem Fütterung, Wasseraufnahme, Futterqualität, Bewegung und Management.
Die Beobachtung bringt mich aber trotzdem zu einem wichtigen Gedanken:
Vielleicht sollten wir bei einer guten Pferdefütterung nicht ausschließlich darauf schauen, wie viel Futter gerade vor dem Pferd liegt, sondern auch darauf, wie es dieses Futter über den Tag findet und aufnimmt.
Vielleicht müssen wir weniger in „voll“ und „leer“ denken
Gerade in einer angespannten Heusituation halte ich diese Unterscheidung für wichtig.
Wir brauchen keine Argumente, um Pferden weniger Raufutter zu geben, als sie benötigen. Und wir sollten eine kahle Fläche, auf der wirklich nichts mehr wächst, auch nicht zur „Futtersuche“ erklären, nur damit die Rechnung besser aussieht.
Aber wir brauchen genauso wenig Angst vor jeder leeren Heuraufe.
Viel interessanter ist doch, was danach passiert.
Geht mein Pferd auf die Koppel und beginnt dort zu suchen? Findet es tatsächlich noch Gras? Knabbert es zwischendurch an geeigneten Ästen? Steht Stroh zur Verfügung? Bewegt es sich von einer Futterquelle zur nächsten?
Oder steht es vor einer leeren Raufe und hat tatsächlich stundenlang gar nichts mehr zur Verfügung?
Das sind zwei vollkommen unterschiedliche Situationen.
Und deshalb kann ich ein Pferd im Offenstall mit Weidezugang, verschiedenen Futterstellen und Knabbermöglichkeiten nicht eins zu eins mit einem Pferd vergleichen, das nachts in einer mit Sägespänen eingestreuten Box steht.
Bei dem einen kann eine leere Heuraufe Teil eines Tages oder auch einer Nacht sein, in der trotzdem immer wieder gesucht, geknabbert und gefressen wird.
Bei dem anderen bedeutet dieselbe leere Heuraufe möglicherweise den Beginn einer langen tatsächlichen Fresspause beim Pferd.
Schauen wir also nicht nur auf die Heuraufe
Vielleicht sollten wir uns deshalb nicht nur fragen:
„Wann wird wieder Heu aufgefüllt?“
Sondern auch:
„Was kann mein Pferd in der Zeit dazwischen tun?“
Kann es suchen, auswählen und knabbern? Kann es Gras aufnehmen? Kann es sich zwischen unterschiedlichen Futterquellen bewegen?
Oder gibt es tatsächlich nichts?
Denn Pferde sind keine Dauerfresser, die 24 Stunden mit dem Kopf in einer gefüllten Heuraufe stehen müssen.
Sie sind Dauersucher.
Und genau dieser kleine Unterschied verändert unseren Blick auf Fresspausen.
Eine Heupause kann eine Fresspause sein.
Sie muss es aber nicht sein.
Und eine leere Heuraufe erzählt – wie so oft bei Pferden – eben noch lange nicht die ganze Geschichte.
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