Was wir von Pferden über uns selbst lernen können
„Ganz ruhig. Es ist doch alles gut.“
Du sprichst freundlich mit deinem Pferd. Zumindest ist das dein Plan. Gleichzeitig hältst du den Strick etwas fester, deine Schultern sind hochgezogen und dein Blick wandert schon zu der Stelle, an der es gleich schwierig werden könnte.
Deine Worte sagen: alles entspannt.
Der Rest von dir hat offenbar eine andere Besprechung besucht.
Solche Momente kennen viele Menschen mit Pferden. Wir möchten Sicherheit vermitteln und merken gar nicht, wie viel Anspannung wir selbst mitbringen. Das macht uns weder zu schlechten Pferdemenschen noch zu unglaubwürdigen Personen. Es zeigt zunächst etwas sehr Menschliches: Zwischen dem, was wir vermitteln möchten, und dem, was tatsächlich wahrnehmbar ist, kann ein Unterschied liegen.
Genau hier wird das Thema Körpersprache und Wirkung interessant. Auch für Menschen, die noch nie einen Führstrick in der Hand hatten.
Was wir sagen, ist ein Teil der Begegnung
Stell dir vor, du möchtest dein Pferd an einem ungewohnten Gegenstand vorbeiführen. Es hebt den Kopf, wird langsamer und schaut genauer hin.
Du möchtest ihm helfen. Also redest du beruhigend auf es ein. Gleichzeitig gehst du etwas schneller, verkürzt den Strick und drehst dich immer wieder um, um zu kontrollieren, ob es auch mitkommt.
Aus deiner Sicht gibst du Sicherheit. Für das Pferd könnten deine Bewegungen und die Spannung am Strick jedoch zusätzliche Aufforderungen oder Druck bedeuten. Es bekommt nicht nur deine freundliche Stimme mit, sondern erlebt die ganze Situation.
Vielleicht bleibt es stehen. Vielleicht weicht es aus. Vielleicht geht es mit, wirkt dabei aber weiterhin angespannt.
Das ist der Moment, in dem wir häufig noch mehr erklären.
Als ließe sich ein festgehaltener Strick durch einen besonders liebevollen Vortrag ausgleichen.
Dabei könnte es hilfreicher sein, zunächst das eigene Tempo zu bemerken, den Abstand zum Gegenstand passend zu wählen und dem Pferd Gelegenheit zu geben, sich zu orientieren.
Körpersprache und Wirkung gehören zusammen. Unsere Absicht allein beschreibt noch nicht, wie eine Begegnung beim Gegenüber ankommt.
Was Pferde tatsächlich wahrnehmen können
Pferde nehmen Hinweise aus unserem Verhalten wahr. Dazu gehören beispielsweise unsere Bewegungen, unsere Position und unsere Stimme. Welche Bedeutung diese Hinweise bekommen, hängt auch von ihren bisherigen Erfahrungen und der jeweiligen Situation ab.
Auch die Forschung beschäftigt sich damit: In einer Untersuchung wurden Pferden freundliche oder ärgerliche menschliche Gesichtsausdrücke sowie entsprechende Stimmen präsentiert. Ihre Reaktionen unterschieden sich danach, ob die emotionalen Hinweise zusammenpassten. Das spricht dafür, dass Pferde Informationen aus Gesichtsausdruck und Stimme miteinander verknüpfen können.
Das macht ein Pferd allerdings nicht zum Gedankenleser. Wenn es stehen bleibt, hat es damit keine Diagnose über deine Persönlichkeit gestellt.
Vielleicht ist es unsicher. Vielleicht hat es etwas entdeckt, das du übersehen hast. Vielleicht versteht es deine Aufforderung nicht oder fühlt sich körperlich unwohl.
Von Pferden lernen bedeutet für mich deshalb, genauer hinzusehen: Was geschieht gerade zwischen uns? Was bringt das Pferd mit? Und welchen Anteil habe ich an dieser Begegnung?
Auch im Alltag spricht unser Körper mit
Jetzt tauschen wir den Führstrick gegen ein Gespräch am Küchentisch.
Du sagst: „Erzähl ruhig, ich höre dir zu.“
Währenddessen räumst du Geschirr weg, schaust aufs Handy und beantwortest schon einmal eine Nachricht. Vielleicht hörst du tatsächlich zu. Trotzdem kann beim anderen der Eindruck entstehen, dass gerade wenig Platz für sein Anliegen ist.
Oder du möchtest einen Konflikt sachlich klären. Deine Worte sind sorgfältig gewählt, aber du sprichst schneller als sonst, unterbrichst und lässt kaum eine Pause zu. Das Gegenüber könnte sich gedrängt fühlen, obwohl du doch nur endlich eine Lösung finden möchtest.
Solche Situationen zeigen, warum Körpersprache und Wirkung über den Stall hinaus ein wichtiges Thema sind.
Dabei lässt sich eine einzelne Geste nicht zuverlässig übersetzen. Verschränkte Arme bedeuten nicht automatisch Ablehnung. Ein abgewandter Blick beweist kein Desinteresse. Vielleicht friert jemand, denkt nach oder braucht kurz Abstand.
Entscheidend ist das Zusammenspiel aus Situation, Worten, Verhalten und der Rückmeldung des Gegenübers. Bei Menschen haben wir zusätzlich die Möglichkeit, nachzufragen: „Wie kommt das gerade bei dir an?“
Diese Frage kann erstaunlich viel klären.
Wenn wir unbedingt ruhig wirken wollen
Manchmal bemerken wir unsere Anspannung und versuchen sofort, sie zu verstecken.
Schultern runter. Lächeln aufsetzen. Stimme weich machen.
Innerlich läuft währenddessen das vollständige Katastrophenprogramm.
Sich bewusst zu bewegen oder langsamer zu sprechen kann hilfreich sein. Schwierig wird es, wenn wir daraus die nächste Forderung an uns selbst machen: Jetzt muss ich auch noch perfekt entspannt aussehen.
Du darfst angespannt sein. Du darfst eine Situation schwierig finden. Entscheidend ist, ob du es bemerkst und dein Handeln darauf abstimmen kannst.
Vielleicht brauchst du mehr Zeit. Vielleicht einen größeren Abstand. Vielleicht ist es sinnvoll, die Aufgabe kleiner zu machen oder dir Unterstützung zu holen.
Im Gespräch kann das heißen: „Ich merke, dass ich gerade hektisch werde. Lass uns einen Moment unterbrechen.“
Am Pferd kann es bedeuten, erst wieder eine überschaubare Situation herzustellen, bevor du weitergehst.
Du musst deine Anspannung nicht schönreden. Du kannst Verantwortung dafür übernehmen, wie du damit umgehst.
Wahrnehmen, bevor wir mehr machen
Wenn eine Begegnung schwierig wird, richtet sich unser Blick schnell nach außen.
Warum hört das Pferd nicht zu? Warum versteht mein Kind mich nicht? Warum reagiert mein Gegenüber so empfindlich?
Manchmal sind diese Fragen berechtigt. Trotzdem lohnt es sich, den eigenen Anteil mitzudenken.
Wie schnell bin ich gerade? Wie viel Raum lasse ich für eine Antwort? Habe ich klar vermittelt, was ich möchte, oder erwarte ich, dass der andere es schon irgendwie erkennt?
Das ist keine Aufforderung, die Schuld bei dir zu suchen. Eine Begegnung hat mehrere Beteiligte. Du kannst jedoch dein eigenes Verhalten am unmittelbarsten beeinflussen.
Wer Körpersprache und Wirkung bewusster wahrnimmt, gewinnt dadurch Handlungsmöglichkeiten. Du bemerkst vielleicht früher, dass du drängst, obwohl du begleiten möchtest. Oder dass du nach außen zustimmst, während du innerlich längst eine Grenze erreicht hast.
Dann kannst du etwas verändern, bevor aus einem kleinen Missverständnis ein ausgewachsener Konflikt wird.
Ein kleiner Versuch für deinen Alltag
Nimm dir bei deiner nächsten alltäglichen Begegnung einen kurzen Moment, bevor du etwas möchtest.
Vielleicht bevor du dein Pferd von der Weide holst. Vielleicht bevor du jemanden um Hilfe bittest oder ein schwieriges Thema ansprichst.
Bemerke zunächst dein Tempo und deine Haltung. Was beschäftigt dich gerade? Was möchtest du konkret vermitteln?
Dann beginne die Begegnung und lass etwas Zeit für eine Antwort. Beobachte, was tatsächlich passiert. Wenn du mit einem Menschen sprichst, kannst du nachfragen, statt seine Reaktion allein zu deuten.
Vielleicht verändert sich etwas. Vielleicht auch nicht sofort.
Es geht darum, einen kleinen Ausschnitt deiner Körpersprache und Wirkung bewusster kennenzulernen. Du brauchst dafür keine einstudierte Haltung. Du brauchst Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, deine erste Interpretation gelegentlich zu überprüfen.
Was wir von Pferden mitnehmen können
Im Umgang mit Pferden wird das Zusammenspiel von Körpersprache und Wirkung auf eine besondere Weise erlebbar. Wir können eine Begegnung freundlich beginnen und trotzdem unbemerkt Druck aufbauen. Wir möchten Sicherheit vermitteln, halten aber schon vorsorglich den Strick fester. Wir wünschen uns eine ruhige Antwort und werden selbst mit jedem Moment ungeduldiger.
Unsere Absicht kennen wir. Wie wir uns dabei tatsächlich bewegen und verhalten, fällt uns oft erst auf, wenn etwas anders läuft als erwartet.
Stell dir vor, du möchtest ein Pferd einladen, mit dir loszugehen. Du gibst ein Signal, doch das Pferd bleibt stehen. Schon folgt die nächste Aufforderung. Du bewegst dich deutlicher, schaust zurück und wirst schneller. Innerhalb weniger Sekunden ist aus einer einfachen Einladung eine Situation geworden, in der du unbedingt eine Reaktion erreichen möchtest.
Vielleicht hast du dem Pferd kaum Zeit gelassen. Vielleicht war dein Signal unklar. Vielleicht ist seine Aufmerksamkeit gerade woanders oder es gibt einen Grund, weshalb es nicht losgehen möchte. Das lässt sich erst erkennen, wenn du die Situation genauer betrachtest. Während du bereits mit Nachdruck an der Antwort arbeitest, ist die eigentliche Frage womöglich noch offen.
Hier liegt eine wertvolle Gelegenheit, von Pferden zu lernen: Wir können bemerken, was wir selbst tun, wenn unser Gegenüber anders reagiert, als wir es uns wünschen.
Bleiben wir aufmerksam? Werden wir hektisch? Wiederholen wir dieselbe Aufforderung immer energischer? Oder können wir innehalten und prüfen, ob ein anderer Weg sinnvoll wäre?
Solche Momente machen unsere Gewohnheiten greifbar. Wer bei einer ausbleibenden Antwort sofort mehr tut, entdeckt vielleicht, dass ihm das Warten schwerfällt. Wer eine Bewegung des Pferdes vorschnell als Ablehnung deutet, bemerkt möglicherweise, wie schnell er Verhalten persönlich nimmt. Das sind Beobachtungen, aus denen Fragen entstehen können. Ob wir dieses Muster auch im Alltag zeigen, müssen wir dort prüfen.
Denn das Pferd bringt seine eigene Geschichte mit. Es kann auf etwas in der Umgebung achten, eine andere Erwartung haben oder körperliches Unwohlsein zeigen. Sein Verhalten ist deshalb keine eindeutige Aussage über unseren inneren Zustand. Gerade das gehört für mich zum Lernen dazu: die eigene Wirkung berücksichtigen und gleichzeitig offen dafür bleiben, dass das Gegenüber ganz andere Gründe für seine Reaktion haben könnte.

Wenn wir daraufhin etwas verändern, wird die Begegnung wieder konkret. Wir geben ein verständlicheres Signal, wählen einen passenden Abstand oder lassen mehr Zeit. Dann beobachten wir, was geschieht. Vielleicht fällt die Antwort anders aus. Vielleicht müssen wir weiter nach der Ursache suchen. In beiden Fällen üben wir, unser Handeln an dem auszurichten, was tatsächlich wahrnehmbar ist.
Dabei kann auffallen, wie anspruchsvoll etwas scheinbar Einfaches ist: eine Aufforderung geben und anschließend wirklich warten. Ohne sofort nachzulegen. Ohne jede kleine Bewegung zu kommentieren. Ohne die Pause vorsorglich mit noch mehr Aktivität zu füllen.
Im Alltag kennen wir genau diese Herausforderung. Wir stellen eine Frage und liefern die mögliche Antwort gleich mit. Wir bitten jemanden um seine Meinung, erklären aber weiter, bevor er sie formulieren kann. Wir wünschen uns Selbstständigkeit und greifen ein, sobald jemand eine Aufgabe anders angeht als wir.
Die Begegnung mit einem Pferd kann uns für solche Abläufe sensibilisieren. Körpersprache und Wirkung bewusster wahrzunehmen bedeutet dann, früher zu erkennen, wann wir Raum geben und wann wir ihn wieder nehmen. Daraus lässt sich eine Entscheidung für das nächste Gespräch ableiten: Ich formuliere mein Anliegen klar und warte die Antwort ab. Wenn ich sie nicht verstehe, frage ich nach.
Für mich beginnt Führen ohne Druck mit dieser Haltung. Ich habe eine Richtung und übernehme Verantwortung für mein Handeln. Gleichzeitig bleibe ich bereit, mein Tempo und meinen nächsten Schritt an die Situation anzupassen. Mit Pferden lässt sich das unmittelbar üben. Im Alltag können wir bewusst auf diese Erfahrung zurückgreifen.
Du möchtest deine Körpersprache und Wirkung in der Begegnung mit Pferden besser kennenlernen und daraus Impulse für deinen Alltag gewinnen? Schreib mir gern, welche Situation dich beschäftigt. Gemeinsam schauen wir, wie ich dich dabei unterstützen kann.
Du kennst deine Absicht. Der andere erlebt dein Verhalten.
Stell dir vor, jemand möchte dir etwas erzählen, das ihn beschäftigt. Du hast gerade wenig Zeit, möchtest aber trotzdem da sein. Also sagst du: „Erzähl.“
Während du zuhörst, überlegst du bereits, was anschließend noch erledigt werden muss. Du nickst, schaust kurz auf die Uhr und fragst: „Und was möchtest du jetzt machen?“
Vielleicht willst du helfen. Beim anderen kommt möglicherweise an: Bitte komm zum Punkt.
Beides kann gleichzeitig stimmen. Deine Absicht ist freundlich, deine Wirkung wird anders erlebt.
Das passiert auch, wenn wir etwas erklären. Wir kennen das Thema, haben die Lösung längst im Kopf und möchten möglichst schnell weiterkommen. Also sprechen wir zügig, beantworten Fragen schon halb und setzen Dinge voraus, die für uns selbstverständlich sind.
Wenn unser Gegenüber still wird, denken wir vielleicht: Gut, verstanden.
Vielleicht hat es aber lediglich aufgegeben, noch einmal nachzufragen.
Körpersprache und Wirkung bewusst wahrzunehmen heißt deshalb, die eigene Absicht um eine weitere Frage zu ergänzen: Wie erlebt der andere gerade die Begegnung mit mir?
Die Antwort lässt sich nicht immer von außen erkennen. Wir können aber hinschauen, zuhören und nachfragen.
Warum uns unsere eigene Wirkung so leicht entgeht
Von innen betrachtet hat unser Verhalten meistens eine nachvollziehbare Erklärung.
Wir reden schnell, weil viel zu tun ist. Wir unterbrechen, weil uns gerade ein wichtiger Gedanke kommt. Wir schauen aufs Handy, weil wir auf eine Nachricht warten.
Das Gegenüber kennt diese Erklärungen möglicherweise nicht. Es erlebt zunächst das schnelle Sprechen, die Unterbrechung oder den abgewandten Blick.
Hinzu kommt: Unsere gewohnten Bewegungen fallen uns selbst kaum noch auf. Wer bei jeder schwierigen Frage die Stirn runzelt, merkt das vielleicht gar nicht. Wer unter Zeitdruck immer schneller spricht, empfindet sein Tempo womöglich als völlig normal.
Wir laufen schließlich nicht den ganzen Tag mit einer Kamera vor uns herum. Zum Glück. Es gibt schon genug Aufnahmen, bei denen man denkt: Ach, so schaue ich also, wenn ich „ganz entspannt“ bin.
Dabei geht es nicht darum, jede Bewegung zu überwachen. Hilfreich wird Selbstwahrnehmung dort, wo sich Missverständnisse wiederholen. Wenn du häufig denkst: „So habe ich das doch gar nicht gemeint“, lohnt sich ein genauerer Blick.
Vielleicht fehlt eine Erklärung. Vielleicht passen deine Worte und dein Verhalten gerade nicht gut zusammen. Vielleicht interpretiert dein Gegenüber die Situation auch anders, als du erwartest.
Eine Geste ist noch keine ganze Geschichte
Sobald wir über Körpersprache sprechen, werden gern eindeutige Übersetzungen angeboten: Verschränkte Arme bedeuten Ablehnung. Wegschauen bedeutet Desinteresse. Wer wenig spricht, ist unsicher.
So einfach sind Menschen allerdings nicht.
Jemand kann die Arme verschränken, weil ihm kalt ist. Ein anderer schaut beim Nachdenken zur Seite. Und ein stiller Mensch hat vielleicht gerade sehr genau zugehört.
Wenn wir Körpersprache und Wirkung besser verstehen möchten, brauchen wir den Zusammenhang. Was passiert gerade? Was wurde gesagt? Wie verhält sich die Person sonst? Und was sagt sie selbst über die Situation?
Das gilt auch für unseren Blick auf uns selbst. Eine angespannte Haltung bedeutet nicht automatisch, dass wir schlecht kommunizieren. Sie kann ein Hinweis darauf sein, dass uns etwas beschäftigt.
Daraus entsteht eine nützliche Frage: Brauche ich gerade einen Moment, eine klarere Formulierung oder mehr Zeit?
Was Pferde uns dazu zeigen können
Bei Begegnungen mit Pferden wird unser Verhalten auf eine andere Weise erfahrbar. Sie folgen unseren menschlichen Erklärungen nicht wie ein Gesprächspartner. Gleichzeitig nehmen sie Bewegungen, Positionen und stimmliche Hinweise wahr und haben gelernt, bestimmte Signale mit bestimmten Erfahrungen zu verbinden.
Stell dir eine einfache Situation vor: Ein Mensch möchte ein Pferd freundlich einladen, näher zu kommen. Er spricht ruhig, geht dabei aber direkt auf das Pferd zu und verkürzt den Abstand immer weiter. Das Pferd weicht aus.
Der Mensch wollte Nähe ermöglichen. Seine Bewegung könnte für dieses Pferd in dieser Situation jedoch eher ein Anlass gewesen sein, Abstand zu halten.
Jetzt lässt sich etwas beobachten und verändern: Was passiert, wenn der Mensch stehen bleibt, weniger auf das Pferd zugeht und eine Antwort abwartet?
Auch wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Pferde emotionale Hinweise aus menschlichen Gesichtsausdrücken und Stimmen miteinander verknüpfen können. Das bedeutet allerdings nicht, dass sie unsere Gedanken lesen oder unsere Persönlichkeit beurteilen.
Das Pferd bringt eigene Bedürfnisse und Erfahrungen mit. Sein Verhalten ist deshalb keine eindeutige Bewertung des Menschen.
Was wir aus einer solchen Begegnung mitnehmen können, ist eine Frage: Passt mein sichtbares Handeln zu dem, was ich ermöglichen möchte?
Diese Frage ist auch im Alltag hilfreich. Wenn ich Offenheit möchte, lasse ich tatsächlich Raum für eine Antwort? Wenn ich Ruhe vermitteln möchte, welches Tempo bringe ich mit? Wenn ich jemanden unterstützen möchte, gebe ich ihm Gelegenheit, selbst zu handeln?
Unter Stress wird aus Klarheit schnell Eile
Gerade wenn uns etwas wichtig ist, fällt es schwer, diese Fragen im Blick zu behalten.
Du möchtest ein Missverständnis klären. Der andere versteht dich offenbar nicht. Also erklärst du es noch einmal, diesmal ausführlicher. Du sprichst schneller, betonst stärker und wiederholst deinen Standpunkt.
Dein Gegenüber zieht sich zurück. Du wirst ungeduldiger.
Dabei möchtest du doch endlich miteinander ins Gespräch kommen.
In solchen Momenten kann es helfen, das eigene Verhalten früher zu bemerken: Bin ich gerade noch neugierig auf die Antwort? Oder bin ich hauptsächlich damit beschäftigt, meine Erklärung durchzubringen?
Das ist keine angenehme Frage. Aber sie kann einen festgefahrenen Austausch öffnen.
Vielleicht braucht es eine Pause. Vielleicht hilft: „Ich merke, dass ich gerade sehr viel erkläre. Was ist bei dir bisher angekommen?“ Oder: „An welcher Stelle sehen wir es unterschiedlich?“
Körpersprache und Wirkung werden besonders dann interessant, wenn unsere gewohnte Art zu handeln nicht mehr weiterführt. Wir gewinnen eine zusätzliche Möglichkeit, etwas zu verändern.
Du musst nicht jederzeit souverän wirken
Wer sich mit der eigenen Wirkung beschäftigt, kann leicht in die nächste Falle geraten: Jetzt muss ich auch noch locker aussehen, gelassen sprechen und immer die passende Haltung haben.
Das wäre ziemlich anstrengend. Und vermutlich würde das Gegenüber vor allem einen Menschen erleben, der sehr beschäftigt damit ist, richtig zu wirken.
Du darfst nervös sein. Du darfst ein Gespräch schwierig finden. Du darfst sagen, dass du Zeit zum Nachdenken brauchst.
Wenn du deine Anspannung bemerkst, kannst du angemessener damit umgehen. Vielleicht formulierst du dein Anliegen klarer. Vielleicht verschiebst du ein Gespräch, für das gerade keine Aufmerksamkeit vorhanden ist. Vielleicht sagst du ehrlich: „Ich möchte dir zuhören, aber nebenbei schaffe ich das gerade nicht. Lass uns nachher in Ruhe sprechen.“
Damit bekommt der andere eine verständliche Information. Er muss weniger darüber rätseln, warum du abwesend wirkst.
Bewusstes Handeln beginnt manchmal mit einer kleinen, ehrlichen Entscheidung.
Ein kleiner Versuch für dein nächstes Gespräch
Wähle eine alltägliche Begegnung, bei der es um etwas Überschaubares geht. Eine Bitte, eine Absprache oder eine kurze Erklärung.
Bevor du beginnst, halte einen Moment inne. Was möchtest du sagen? Und wie bist du gerade unterwegs – hektisch, müde, gedanklich schon beim nächsten Termin?
Du musst diesen Zustand nicht sofort verändern. Es reicht zunächst, ihn zu bemerken und bei deinem Handeln zu berücksichtigen.
Sprich dein Anliegen aus und lass anschließend eine Pause. Gib dem anderen Gelegenheit, zu antworten, ohne den freien Platz sofort mit einer zweiten Erklärung zu füllen.
Wenn die Reaktion dich überrascht, frage nach. „War meine Bitte verständlich?“ oder „Wie kommt das gerade bei dir an?“ kann mehr klären als langes Grübeln über einen Gesichtsausdruck.
Danach kannst du kurz überlegen: Was habe ich über meine Körpersprache und Wirkung erfahren? Wo habe ich Raum gelassen? Wo bin ich schneller geworden, als ich wollte?
Vielleicht fällt dir nur eine Kleinigkeit auf. Genau damit kannst du beim nächsten Mal arbeiten.
Führen ohne Druck beginnt auch bei uns selbst
Ob wir ein Gespräch leiten, eine Aufgabe erklären oder eine Grenze setzen: Unser Verhalten gestaltet die Begegnung mit.
Eine klare Bitte gibt Orientierung. Eine Pause ermöglicht eine Antwort. Eine rechtzeitig ausgesprochene Grenze kann verhindern, dass wir erst dann deutlich werden, wenn wir bereits verärgert sind.
Dabei können wir die Reaktion eines anderen Menschen nicht vollständig bestimmen. Auch er bringt Erwartungen, Erfahrungen und seine eigene Tagesform mit.
Wir können jedoch bewusster wählen, wie wir auftreten und handeln.
Das ist für mich ein wesentlicher Gedanke hinter „Von Pferden lernen“: Erfahrungen mit Pferden eröffnen Fragen, die uns im menschlichen Miteinander weiterhelfen können. Wir nehmen genauer wahr, überprüfen vorschnelle Deutungen und probieren andere Wege aus.
Wenn du deine Körpersprache und Wirkung besser verstehen und in bestimmten Situationen klarer handeln möchtest, schreib mir gern, was dich beschäftigt. Gemeinsam können wir schauen, wie ich dich dabei unterstützen kann. Situation dich beschäftigt. Gemeinsam können wir schauen, wie ich dich dabei unterstützen kann.
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